Bayern 2 - Land und Leute


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Nürnberger Brillen Blindschleichen und Monokelmänner

Blindschleichen und Monokelmänner; Intellektualität und Schönheitsfehler; Markenpiraterie, Dumpinglöhne und Industriespionage: Ulrike Rückert hat Nürnberger, Regensburger, Augsburger und Fürther Brillen ausprobiert - und andere Sehhilfen, als da sind Perücken- und Scherenbrillen, Sonnenbrillen, Lorgnetten und Kneifer. Ein Hörstück mit Durchblick.

Von: Ulrike Rückert

Stand: 01.01.2016 | Archiv

Frau mit "Brille am Stiel" | Bild: picture-alliance/dpa

"Des Mittags, als es zwölfe war,
Setzt sich zu Tisch der Herr Aktuar.
Er schaut bedenklich, ernst und stille,
Die Suppe an durch seine Brille.
Und durch die Brille, scharf und klar,
Entdeckt er gleich ein langes Haar."

(Wilhelm Busch - 'Die Brille')

Brillen aus Nürnberg, Regensburg, Augsburg und Fürth eroberten die Welt

Markenpiraterie, Dumpinglöhne und Industriespionage - nicht von asiatischen Billigwarenländern ist die Rede, sondern von Brillenmachern aus Nürnberg, Regensburg, Augsburg und Fürth. Jahrhundertelang versorgten sie die deutschen Lande mit Augengläsern, lieferten ihre Kneifer bis in die Türkei und kämpften mit harten Bandagen um Marktanteile.

"Nürnberger Brillen waren bekannter als Nürnberger Lebkuchen. Jacob Pfüllmair hieß der erste Brillenmacher, der sich hier niederließ, im Jahr des Herrn 1478. Bald versorgte eine florierende Handwerkszunft das ganze Reich mit Augengläsern und exportierte bis nach Italien, Frankreich und den Niederlanden."

(Ulrike Rückert)

Eine Aura von Intellektualität

Johann Wolfgang von Goethe: "Ich sehe mehr, als ich sehen sollte."

Das Gewerbe florierte, vom Utensil auf Gelehrtennasen wurde die Brille zum Gegenstand des alltäglichen Gebrauchs. Reiche Kunden allerdings fanden die Klemmer aus Nürnberg zu schlicht. Man trug elegante Kostbarkeiten um den Hals oder graziös in der Hand – sie vor den Augen zu benutzen, galt als unfein. Goethe pflegte ein ambivalentes Verhältnis zu seiner Lorgnette: "Ich sehe mehr, als ich sehen sollte." Die Aura von Intellektualität behielt die Brille - für Frauen war beides ein Schönheitsfehler. Das Monokel wurde zum Inbegriff des preußischen Offiziers, schon weil es stramme Haltung erforderte, das Einglas am Platz zu halten.

Preussischer Militarismus mit Monokel

Hirschfigur mit Monokel und preussischer Uniform

Keine Sehhilfe war je so symbolbeladen wie das in die Augenhöhle geklemmte Einglas. Auf dem Wiener Kongress begann seine Karriere in Adelskreisen.

"Es wird zum ausgezeichneten Erzieher. Jegliche Mimik muß sogleich beerdigt werden. Irgendwelche Affekte, Gemütserregungen auch heftigster Art dürfen nicht mehr im Gesicht erscheinen."

Die stramme Haltung, die erforderlich war, um es am Platz zu halten, machte es zum Inbegriff des Militärischen.

"Aber nur in der Zurückgezogenheit seines eigenen Zimmers gestattete sich der General die zuchtlose Bequemlichkeit einer Brille. Eine Brille in der Öffentlichkeit zu tragen, wäre, seiner Ansicht nach, ebenso unmöglich gewesen, wie in Galauniform mit Pantoffeln herumzuschlurfen."

Internationales Erfolgsmodell - der Kneifer

Die Autorin Ursula Krechel mit "Kneifer"

Der Kneifer überlebte Perücken- und Scherenbrille, Stielglas, Faden-, Falt- und Klappbrille. Von der Renaissance bis zum Industriezeitalter verkauften die Nürnberger Brillenmacher und ihre benachbarten Rivalen ihr Erfolgsmodell in alle Welt.


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