Bayern 2 - Land und Leute


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Caligae, Furka, Gladius Neuzeit-Römer ziehen über die Alpen

"Als die Römer frech geworden" zogen sie über die Berge gen Norden, denn Kaiser Augustus hatte die Eroberung des Voralpenlandes zwischen Bodensee und Inn bis hinauf zur Donau befohlen. Wie es einem römischen Legionär wohl zumute war, der diesen Befehl mit mehr als 30 Kilogramm Marschgepäck und in voller Bewaffnung auszuführen hatte? Experimental-Archäologen können diese Frage beantworten.

Von: Ulrich Zwack

Stand: 15.03.2015 | Archiv

Zwei Gladiatorendarsteller in originalgetreuen Rüstungen von der Gruppe Dr. Marcus Junkelmann aus Ratzenhofen bei München | Bild: picture-alliance/dpa

Das Jahr 15 v. Chr. bedeutete für das heutige Südbayern eine Epochenwende: Damals befahl Kaiser Augustus die Eroberung des Voralpenlandes zwischen Bodensee und Inn bis hinauf zur Donau. Die Gründe dafür lassen sich nicht mehr mit letzter Sicherheit klären. Auch die Routen, auf denen die kaiserlichen Prinzen Drusus und Tiberius mit ihren Legionen in unsere Breiten vorstießen, sind nicht exakt bekannt. Doch vieles spricht  dafür, dass der Weg über den Brenner führte.

Immer wieder unvorhergesehene Schwierigkeiten

Marschierende Neuzeit-Römer im Museum und Park Kalkriese, Osnabrücker Land (2009)

Mit mehreren Legionen die Alpen zu überwinden, dabei so gut wie jeden Pass zwischen dem Großen St. Bernhard und dem Brenner zu meistern und fast jedes einzelne Tal zu durchkämmen - das stellte zweifellos eine gewaltige Leistung dar. Und im kargen Gebirge gleich zwei große Heere zu verpflegen, erforderte ein geniales Nachschub-Management. Die Planung der genauen Marschrouten hatte man zwar schon 16 v.Chr. in Angriff genommen und sich dabei sicher bei Händlern und befreundeten Alpenvölkern eingehend nach den Wegverhältnissen erkundigt. Man hatte wohl auch heimlich Kundschafter und Pioniere vorausgeschickt und ließ sich während des Vormarsches von ortskundigen Scouts führen. Trotzdem stieß man wohl immer wieder auf unvorhergesehene Schwierigkeiten. Denn von dem immensen Gebiet, das man sich zu erobern anschickte, gab es vor dem Eintreffen der Römer ja noch keinerlei verlässliche Karten.

Das hat sich inzwischen natürlich längst geändert, bedeutet aber keineswegs, dass sich die experimentalarchäologischen Neuzeitlegionäre unter dem Oberbefehl ihres selbsternannten Centurios Marcus Junkelmann 1985 beim Ausbaldowern der besten Marschroute über den Brenner leichter getan hätten.

540 Kilometer Fußmarsch in Sandalen von Verona nach Augsburg

Marcus Junkelmann in Carnuntum (2007)

Mit absoluter Sicherheit weiß man heute, welche Strapazen die römischen Soldaten bei der Alpenüberquerung auf sich nehmen mussten. Zu verdanken ist das dem Historiker und Experimental-Archäologen Marcus Junkelmann. Dieser machte sich 1985 anlässlich des 2000jährigen Augsburger Stadtjubiläums zusammen mit acht Freunden auf einen 540 Kilometer langen Fußmarsch von Verona nach Augsburg. Und zwar in originalgetreu rekonstruierter Legionärskluft, mit Caligae, den typischen Sandalen eines Soldaten, Furka, wie das hölzerne Tragegestell hieß, und Gladius, dem Kurzschwert. Eine Expedition mit über 30 Kilogramm Marschgepäck und unter voller Bewaffnung! Selbstverständlich mussten die Neuzeit-Römer dabei nicht  nur den Dauerregen aushalten. Sie kämpften mit vielen Problemen unserer modernen Zeit, asphaltierten Straßen zum Beispiel. Ziel des Unternehmens war es, die Alltagstauglichkeit der Römerausrüstung zu testen. Außerdem wollten sie erfahren, ob es möglich ist, mit den überlieferten Marsch-Techniken die einzelnen Etappen zu schaffen.

"Schwieriger ist es, zu positiven Ergebnissen zu kommen. Zu sagen: 'Wir ham's jetzt so gemacht, des hat funktioniert, also war's so'. Des kann immer noch anders gewesen sein. Manchmal denkt man an bestimmte Möglichkeiten nicht. Man kann also bestimmte Möglichkeiten überprüfen und ausschließen, aber zu sagen, so lange ich keinen Quellenbeleg hab, nur aufgrund des Ausprobierens, es war so, des is nur, wenn wirklich alle Alternativen durchprobiert sind, die irgendwie denkbar sind, und nicht funktionieren, dann kann's nur die eine gewesen sein."

(Marcus Junkelmann)

Erfahrungswerte für die heutige Zeit

Eine mühsame Reise im Dienste der Wissenschaft. Ulrich Zwack lässt unter dem Titel "Caligae, Furka und Gladius. Neuzeit-Römer ziehen über die Alpen" das 24 Tage dauernde Unternehmen noch einmal Revue passieren. Außerdem schildert er den Wert solcher Erfahrungen für die heutige Zeit.

Buchtipp:

Die Legionen des Augustus
Der römische Soldat im archäologischen Experiment

  • Autor: Marcus Junkelmann
  • Broschiert: 416 Seiten
  • Verlag: Utz, Herbert; Auflage: 15., gründlich überarbeitete u. erweiterte Auflage (10. Dezember 2014)
  • ISBN-10: 3831643040
  • ISBN-13: 978-3831643042

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