Bayern 2 - Land und Leute


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1) Max Hannes "Bayerische Charakterköpfe"

51 Jahre lang - von 1962 bis 2013 - war die Kristallglasmanufaktur Theresienthal in Zwiesel der Arbeitsplatz von Max Hannes. Hautnah hat er den Strukturwandel in der Glasindustrie des Bayerischen Waldes erlebt. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Glashütte Theresienthal nach der Pleite im Jahr 2001 auf den Markt zurückkam und wieder produziert: Luxusglas, jedes Teil von Hand gemacht. Heidi Wolf schildert an diesem Beispiel ein zerbrechliches Stück Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Bayerischen Wald.

Von: Heidi Wolf

Stand: 31.07.2016 | Archiv

In der Glashütte Theresienthal bei Zwiesel wird Luxusglas hergestellt. Stück für Stück handgemacht, kristallklar, hauchzart. Königshäuser in der ganzen Welt zählten einst zu den Kunden. 1930 hatte die Manufaktur schon Händler in New York, die ihre Produkte vertrieben. Das Wirtschaftswunder in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg brachte der Manufaktur einen enormen Aufschwung. Es war die Zeit der üppigen Tischkulturen nach Elend und Not. Die Menschen legten Wert auf hochwertiges Glas und Porzellan, gaben gerne Geld für schöne Dinge aus. 300 Leute arbeiteten in den 1950er und 1960er Jahren in Theresienthal. Am 5. November 1962 begann dort der 14-jährige Max Hannes seine Lehre als Hohlglasfeinschleifer, wurde Geselle, Meister, Abteilungs- und schließlich Betriebsleiter.

"Es war einfach ein hartnäckiges Arbeiten und ein Nicht-Aufgeben. Wir Waidler haben ja nicht gelernt, dass man aufgibt. Der Boden gibt eh nicht mehr her als Steine. Also musst du eigentlich von klein auf kämpfen, wenn du was werden willst, was erreichen willst."

(Max Hannes)

Alle Elemente spielen zusammen: Feuer, Erde, Luft und Wasser ...

Ofenhalle in der Glashütte Theresienthal

Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich die Männer auf der Arbeitsbühne am glühend heißen Schmelzofen der Kristallglasmanufaktur Theresienthal in Zwiesel. Der erste sticht mit der Glasmacherpfeife in die rot und gelb lodernde Flüssigkeit, zu der Quarzsand, Kalk und Soda zusammengeschmolzen sind. 1270 Grad ist die ideale Temperatur für das Kölbl, den kleinen Ballon, der immer weiter aufgeblasen und in hölzernen Modeln geformt wird, bis ein Trinkglas, eine Karaffe, eine Schale oder eine Vase fertig ist. Einer reicht die Glasmacherpfeife an den anderen weiter, ohne Zuruf, ohne ein lautes Wort. Jeder Handgriff sitzt. Hohlkugeln, Rosetten und schmückende Bänder entstehen unter großen, aber geschickten Händen. Uraltes Können, von einer Generation zur anderen weitergetragen. Alle Elemente spielen zusammen: Feuer, Erde, Luft und Wasser. Es ist ein archaisches Handwerk. Ohne große Technologie, mit einfachen Werkzeugen und handwerklicher Kunstfertigkeit entsteht ein wunderbares Material, dicht und säurefest, zugleich zart und filigran, unendlich zerbrechlich.

2004 schaffte es die Glashütte Theresienthal zurück auf den Markt

Max Hannes mit Christoph Glaser, damals Vorstand der Kuenheim-Stiftung

Nach guten Jahren setzten Importe aus Billiglohnländern der Glashütte immer mehr zu. Im  April 2001 meldete Theresienthal Insolvenz an. Max Hannes und ein paar seiner Kollegen gingen trotzdem jeden Tag in die Firma, fuhren den Ofen - das Herzstück der Manufaktur - langsam herunter, damit er nicht kaputt ging. Hannes verhinderte, dass die hochwertigen Gläser für billiges Geld verramscht wurden. "Waidlersturheit" nennt er dieses Verhalten, das letzten Endes von Erfolg gekrönt war. Die BMW-nahe Eberhard-von-Kuenheim-Stiftung brachte Theresienthal 2004 zurück auf den Markt - ein kleines Wunder, möglich gemacht von Menschen, die für eine gemeinsame Idee brannten. Mitten drin Max Hannes mit wachen hellblauen Augen, aufrecht, authentisch. Er verhandelte  auf Augenhöhe mit Managern und Bankern, hielt die Belegschaft bei der Stange. Wieder stellte er sich als Betriebsleiter in die erste Reihe. Im Sommer 2013 ist er in Rente gegangen, nach 51 Jahren in der Hütte. "Ich bin froh, die Verantwortung los zu sein", beschreibt Max Hannes seine neue Freiheit. Heidi Wolf schildert an seinem Beispiel ein zerbrechliches Stück Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Bayerischen Wald.


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