Bayern 2 - Land und Leute


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Maria Seidenberger Geschichte einer couragierten Frau

Als amerikanische Einheiten am 29. April vor 70 Jahren das KZ Dachau befreiten, wurde das ganze Ausmaß der Verbrechen offenbar, die das NS-Regime hier begangen hatte. Die Einwohner von Dachau sahen sich mit der berechtigten Frage konfrontiert, wer von ihnen Mittäter, wer Mitläufer, wer zumindest Mitwisser gewesen sei. Über solchen Verdacht erhaben war Maria Seidenberger, eine junge Frau aus dem Dachauer Land. Nicht von ungefähr wurde sie 2005 mit dem ersten "Dachau-Preis für Zivilcourage" ausgezeichnet. Sybille Krafft erzählt ihre Geschichte.

Von: Sybille Krafft

Stand: 26.04.2015 | Archiv

Maria Seidenberger (2.v.l.) mit ihrer Familie (1941) | Bild: Privatarchiv von Maria Seidenberger; Peter Riester

Nur ganz wenige Menschen im Dachauer Land kennen die Geschichte dieser mutigen Frau. Und wenn es allein nach Maria Seidenberger gegangen wäre, wäre dies auch weiterhin so geblieben:

"Ich hab nie drüber gesprochen. Ich hab nicht das Bedürfnis gehabt. Ehrlich gestanden, für mich ist es peinlich. Das, was so lange vorbei ist. Und eigentlich: Wen hat das schon groß interessiert?"

(Maria Seidenberger)

KZ-Häftlinge auf dem Weg zur Arbeit

Als die ersten KZ-Häftlinge vorbei getrieben werden, steht Maria Seidenberger mit ihrer Mutter weinend am Fenster des Elternhauses. Das damals sechsjährige Mädchen kann diesen Anblick nicht mehr vergessen. Immer wieder muss sie an die seltsam traurigen Männer denken, die sich in "komischen Anzügen" zur Arbeit schleppen.

"Mein Gott, ich war ein Kind, ich war sechs Jahr alt. Die sind da vorbei marschiert, und Mam hat hinausgeschaut und geweint, weil sie die Leute gekannt hat."

(Maria Seidenberger)

Riskante Botendienste

Maria Seidenberger auf ihrem Weg von Hebertshausen zur Amper (1945) | Bild: Privatarchiv von Maria Seidenberger; Peter Riester

Maria Seidenberger auf ihrem Weg von Hebertshausen zur Amper (1945)

Mit 17 Jahren riskiert sie dann ihr Leben, um den NS-Opfern zu helfen: Sie leitet Nachrichten, Briefe und Fotografien aus dem Konzentrationslager Dachau an Angehörige weiter, entwickelt heimlich aufgenommene Fotos und versteckt in einem Bienenkorb ihres Vaters Schriftstücke von Häftlingen. Damit hilft sie unter größter Gefahr für ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Eltern den Gefangenen.

Der Todesmarsch der KZ-Häftlinge von Dachau 1945

Mahnmal zur Erinnerung an den Todesmarsch der KZ-Häftlinge von Dachau 1945

Als kurz vor Kriegsende Tausende von Gefangenen auf dem so genannten "Todesmarsch" wieder an ihrem Haus vorbeiziehen müssen, hält sie das mit ihrer Kamera fest. Erneut zeigt sie Geistesgegenwart und Mut, um diesen Wahnsinn für die Nachwelt zu dokumentieren. Nach der Befreiung zieht Maria Seidenberger mit einem ehemaligen Dachauer Häftling nach Prag. Dort bleibt sie fast 14 Jahre. 1959 kehrt sie in ihr Elternhaus zurück.

"Also man hat’s im Prinzip gewusst, wenn man es wissen wollte. Das ist nämlich der wunde Punkt. Was die immer sagen, die Dachauer Bürger, die alten braunen Köpf’, dass sie es nicht gewusst haben, dass sie das nichts angeht. Das ist nicht wahr. Ein jeder hätte es wissen können, der es wissen wollte. Aber die wenigsten haben hingeschaut, ein jeder hat daran vorbei geschaut."

(Maria Seidenberger)

Der erste "Dachau-Preis für Zivilcourage" für Maria Seidenberger

Sybille Krafft erzählt die ganz und gar "unerhörte" Geschichte einer couragierten Frau, die lange Zeit völlig unbekannt war. Maria Seidenberger hat nämlich nie viel Aufhebens um ihre waghalsigen Aktionen gemacht und ihre Leistungen zeitlebens, bis zu ihrem Tod im Jahr 2011, eher heruntergespielt. 2005 wurde sie für ihr unerschrockenes Handeln mit dem ersten "Dachau-Preis für Zivilcourage" geehrt.

Preis für Zivilcourage 2005 Format: PDF Größe: 3,45 MB


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