Bayern 2 - Land und Leute


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Liesl Karlstadt und die Mulis Wie Maultiere ihr das Leben retteten

Nach einer tiefen Lebenskrise in den 1930-er Jahren zog sich die Volksschauspielerin Liesl Karlstadt in die Tiroler Berge zurück. Dort freundete sie sich mit den Gebirgsjägern und deren Mulis an. Joana Ortmann erzählt, wie die Maultiere Liesl Karlstadt das Leben retteten.

Von: Joana Ortmann

Stand: 04.12.2016 | Archiv

Liesl Karlstadt, geniale Partnerin des ebenso genialen wie exzentrischen Karl Valentin, erlebte in den 1930er Jahren eine tiefe Lebenskrise. Sie litt an Depressionen, verlor beim erfolglosen Panoptikum-Projekt ihres Partners ihr gesamtes Geld. Am 6. April 1935 stürzte sie sich in die Isar, wurde gerettet und in die psychiatrische Klinik in der Nußbaumstraße eingewiesen. "Kummer" sei der Grund für den Suizidversuch gewesen, heißt es in der Polizeichronik. In den nächsten Jahren häuften sich die Nervenkrisen und Klinikaufenthalte. In dieser seelischen Not half Liesl Karlstadt ein Aufenthalt in den Alpen. Ein Freund hatte ihr seine Wohnung in Ehrwald in Tirol angeboten, damit sie dort Abstand gewinnen konnte - vor allem von Karl Valentin, von dem sie sich 1940 nach mehreren vergeblichen Versuchen endgültig getrennt hatte.

Am liebsten stieg sie zur Ehrwalder Alm hoch

Der Ort Ehrwald in Tirol (Österreich), Blick gegen Wanneck und Fernpass

Es dauerte noch ein paar Monate, bis Liesl Karlstadt sich eingestand, dass es nicht mehr so weiter ging, dass sie pausieren musste. Sie quälte sich über den Jahreswechsel. Im Januar 1941 war sie am Nullpunkt und flüchtete in die Berge. Der befreundete Dramaturg Rolf Badenhausen begleitete sie nach Ehrwald in Tirol. Lahm gelegt von Bauchschmerzen hielt sie die ersten Tage Diät, ruhte sich aus, während Badenhausen allein auf Tour ging. Dann, zögerlich, kam sie mit. Am liebsten stieg sie zur Ehrwalder Alm hoch.

Skifahren, Einkehren im Gasthof "Zum Alpenglühn", wieder runter nach Ehrwald. Einmal, zweimal, dreimal - bald ging sie den Weg fast täglich und traf dabei regelmäßig das gleiche Quartett: Zwei Maultiere, mit schwerer Last beladen, und zwei Gebirgsjäger, die sie führten. Einer der beiden Männer erkannte schließlich die Berühmtheit aus München an der Stimme und lud sie spontan auf die Diensthütte ein, die Station der Gebirgsjäger, nur 50 Höhenmeter weiter oben. Nach ein paar Wochen fuhr Rolf Badenhausen zurück nach München - und Liesl Karlstadt blieb.

Aus Liesl wurde "Obergefreiter Gustl", "Hilfstragetierführer"

Rast einer Gebirgsbatterie mit Mulis während einer Hochgebirgsübung (1930er Jahre)

Die Gebirgsjäger waren in einer Militärdiensthütte oberhalb des Gasthofs "Alpenglühn" stationiert. Dort zog Liesl Karlstadt ein, nachdem sie sich mit den Maultieren angefreundet hatte - als einzige Frau unter den Soldaten. Eigentlich eine verbotene Aktion. Um dem Ganzen einen offiziellen Anstrich zu verpassen, gaben die Gebirgsjäger Karlstadt den Namen "Gustav" und machten sie zum "Hilfstragetierführer." Auf Veranlassung des Kompaniechefs wurde sie offiziell zum Obergefreiten ernannt. Dank ihres androgynen Aussehens spielte sie ihre Männerrolle perfekt. Später sagte sie: "Wenn ich einen Weiberrock angehabt hab, hab ich mich nix sagen trauen. Aber in der Hosn hab ich immer a freche Goschn ghabt, weil ich gwußt hab, daß mich meine Kameraden nicht im Stich lassen."

"Was ich interessant fand in Ehrwald ist, dass sich das Theater dort fortgesetzt hat. Dass dann Rollen vergeben wurden. Es gab den Ehemann und die Söhne. Den Soldaten wurden Rollen zugeordnet, sie war die Mutter der Kompanie. Es hat auch einen Onkel gegeben, man scheint sich da auch vergnügt zu haben und gemeinsam in eine Traumwelt geflüchtet zu haben. Liesl Karlstadt hatte wohl auch die Gabe, die anderen anzustecken. Das wurde von den Soldaten in fast kindischer Weise dankbar angenommen."

(Sabine Rinberger, Chefin des Valentin Karlstadt Musäums in München)

Draußen in der Welt tobte der Krieg - im Schutz der Berge inszenierten Liesl Karlstadt und schätzungsweise 15 Gebirgsschützen eine Art Realtheater, ganz im Stil von Karl Valentin.

An Leib und Seele geheilt, kehrte sie 1943 wieder nach München zurück

Die zwei Jahre in der Natur, weit weg vom Krieg, und die Arbeit mit den Mulis halfen Liesl Karlstadt zurück ins Leben. Sie wurde wieder gesund, kehrte 1943 nach München zurück und begann erfolgreich ihre neue Karriere als Volksschauspielerin.

Buchtipps:

Liesl Karlstadt: Münchner Kindl und Travestie-Star

  • Autorin: Gunna Wendt
  • Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
  • Verlag: edition ebersbach; Auflage: 1., Aufl. (1. April 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3938740388
  • ISBN-13: 978-3938740385


Liesl Karlstadt, Bally Prell, Erni Singerl. Die Geschichte des Volkstümlichen in der Unterhaltung

  • Autor: Andreas Koll
  • Vorwort: Christian Ude
  • Broschiert: 180 Seiten
  • Verlag: Buch&Media; Auflage: 1., Aufl. (18. November 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3865203256
  • ISBN-13: 978-3865203250

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