Bayern 2 - Land und Leute


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Leopoldsreut Die Botschaft eines verlassenen Dorfes

350 Jahre lang existierte das kleine Dorf Leopoldsreut auf dem Höhenrücken des Haidelberges im Unteren Bayerischen Wald. 1962 kam das Ende. Die letzten Bewohner verließen den Ort. Der Staatsforst ließ die Häuser abreißen und an ihrer Stelle Fichten anpflanzen. Noch heute geht von dem verschwundenen Ort eine seltsame Faszination aus - und eine Mahnung: "Man darf nicht einfach aufgeben".

Von: Heidi Wolf

Stand: 27.11.2016 | Archiv

Ein Mythos rankt sich um das verlassene Dorf Leopoldsreut. - Die Lichtung mit dem weiten Blick in die bayerisch-böhmische Grenzregion, von den ersten Siedlern einst dem wilden Wald mühsam abgerungen, wuchs wieder zu. Heute erinnern nur noch die Kirche und das Schulhaus an Leopoldsreut, das im 17. Jahrhundert als Mautstation auf dem Goldenen Steig gegründet worden war, dem Salzweg von Bayern nach Böhmen.

Wer war schuld am Untergang von Leopoldsreut?

Walter Landshuter (l.) und Michael Held

Der Passauer Scharfrichterwirt Walter Landshuter und der Förster Michael Held vor den Erinnerungstafeln, die die Bayerischen Staatsforsten 2012 aufgestellt haben - als Geste der Wiedergutmachung. Walter Landshuter hat nie aufgehört, nach den Schuldigen für den Untergang von Leopoldsreut zu fragen.

"Wenn ich heute nach Bischofsreut oder Haidmühle schau, haben wir ja auch eine ähnliche Entwicklung. Die jungen Leute, die wandern ab und wandern der Arbeit und dem Geld nach. Ich halte es für fatal, dass man in diesen Orten Kindergärten schließt, Schulen schließt. Warum kann man nicht in diesen Orten Zwergschulen wie in den Bergregionen in Südtirol und in der Schweiz aufrechterhalten? Ohne Kindergärten und Schulen ziehen die Familien und die Familienväter logischerweise weg. Oder die Goldenen Steige heutzutage. Das wären die schnellen Internetverbindungen. Da gibt es viele politische Willenserklärungen. Passiert ist noch nichts. Man kann hier nicht einmal mit dem Handy telefonieren. Ich mein, das sind die Realitäten."

(Michael Held, Förster)

Ein hartes Leben in vollkommener Abgeschiedenheit

150 Menschen lebten einst in Leopoldsreut. Es gab 20 Bauernhäuser und ein Wirtshaus, viele Äcker und Wiesen, allerdings mit kargem Ertrag. Leben in Leopoldsreut war oft lebensgefährlich, der Ort in langen Wintermonaten völlig abgeschnitten von der Welt. Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg kam nicht bis Leopoldsreut. Vor allem die jungen Leute wanderten ab, suchten in günstiger gelegenen Regionen ihr Glück. Bis zuletzt hatte es in dem Dorf keinen elektrischen Strom gegeben, kein fließendes Wasser. Die Schule war schon vorher zugesperrt worden. Die letzten Bewohner fügten sich dem Schicksal und gingen weg. Ihre Sehnsucht nach Leopoldsreut aber trugen sie weiter in ihrem Herzen. Sie erzählten ihren Kindern und Enkelkindern vom harten Leben in dieser Abgeschiedenheit, aber auch vom Zusammenhalt der Menschen in dem Dorf, das einfach vergessen wurde. Auch heute drohen im Bayerischen Wald wieder Dörfer zu sterben. Schulen werden geschlossen; die schnellen Internetverbindungen - die "Goldenen Steige" von früher - lassen immer noch auf sich warten. Wieder verlassen Menschen ihre Heimat, weil sie hier keine Zukunft sehen.

"Leopoldsreut - das verschwundene Dorf"

Peter Hofer und seine Großmutter Stilla Moritz

Leopoldsreut war 20 Jahre lang die Welt von Stilla Moritz. Dann heiratete sie hinunter in das wenige Kilometer entfernte Herzogsreut. Noch heute denkt die inzwischen 89-jährige Frau gerne zurück an das Leben in ihrem Heimatdorf.  Ihre Liebe zu dem Ort hat sie an ihren Enkel Peter Hofer weitergeben, ihn von Kindheit an zum Schwammerlsuchen und Beerenpflücken mitgenommen, ihm alle Erlebnisse geschildert. Daraus ist ein Film entstanden, den der Diplom-Theologe Peter Hofer seiner Großmutter zum 80. Geburtstag geschenkt hat. Auf das umfangreiche Material baut sein Buch "Leopoldsreut - das verschwundene Dorf" auf, das 2014 in der Edition Lichtland in Freyung erschienen ist. Der Autor hat auch eine Facebook-Seite über Leopoldsreut eingerichtet.

Buchtipp:

  • Leopoldsreut. Das verschwundene Dorf
  • Autor: Peter Hofer
  • Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
  • Verlag: Edition Lichtland (26. April 2014)
  • ISBN-10: 3942509350
  • ISBN-13: 978-3942509350

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