Bayern 2 - Land und Leute


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"Ashes of Disaster" Auf den Spuren der Lehman Brothers in Bayern

Die US-amerikanische Investmentbank "Lehman Brothers" muss am 15. September 2008 Insolvenz beantragen. Die Finanzkrise eskaliert. Der Name dieser Bank wird zu einem Synonym für das Spekulantentum im globalisierten Kapitalismus. Joseph Berlinger hat sich in Bayern auf die Spuren der Lehman Brothers begeben.

Von: Josef Berlinger

Stand: 19.02.2017 | Archiv

Hauptquartier der Lehman Brothers in New York City (Juni 2008) | Bild: picture-alliance/dpa/epa-Bildfunk/Justin Lane

"Ashes of Disaster" heißt ein britisches Whiskeylabel. Der Entrepreneur James Green betont, der Scotch habe einen "reuevollen, erdigen Geschmack" mit einer "Note von verbrannten Geldscheinen" und einem "Hauch von reifen Herbstfrüchten, die kurz davor sind, herunterzufallen".

"Lehman Brothers" im Residenztheater

"Aufstieg und Fall einer Dynastie" heißt ein Theaterstück über die Lehman Brothers. Der junge Schauspieler Philip Dechamps spielt im Münchner Residenztheater den Philip Lehman.

Die wenigsten wissen, dass die Lehman Brothers aus dem fränkischen Rimpar stammen. Weil die Juden Mitte des 19. Jahrhunderts Bürger zweiter Klasse sind, wandern viele von ihnen nach Amerika aus. So auch Hajum Lehmann. Zunächst ist er noch Hausierer, dann eröffnet er als Henry Lehman einen Gemischtwarenladen in Montgomery. Bald folgen ihm seine Brüder über den großen Teich und landen ebenfalls in Alabama.

Das Geburtshaus der Lehmanns in Rimpar

Niederhofer-Straße 7 in Rimpar. Ehemaliges Wohnhaus der Lehmanns. | Bild: Joseph Berlinger

Niederhofer-Straße 7 in Rimpar. Ehemaliges Wohnhaus der Lehmanns.

In Lehmanns Rimparer Geburtshaus ist heute eine Apotheke untergebracht. Aber Rezepte gegen die Krisenanfälligkeit des Finanzkapitalismus sind dort nicht einzulösen. Und in der Synagoge, die die Lehmann-Brüder als Kinder besucht haben, hält heute ein Geflügelzüchter namens Ludwig Heldwein seine Hühner.

Der Bürgermeister Burkard Losert hatte lange Zeit gehofft, dass die große Investmentbank aus New York eine Finanzspritze über den großen Teich jagt, damit Rimpar seine alte Synagoge renovieren kann. Fehlanzeige. Der Konkurs der Investmentbank kam dem zuvor. Wer Milliarden Dollar Schulden hat, engagiert sich nicht als Kulturmäzen.

Ludwig Heldwein betreibt in der Alten Synagoge seine Kleintierzucht

"Die Synagoge is für mich gut, weil ich's nützen kann für meine Tiere. Und sonst: die Synagoge hat mir Geld gekostet, Denkmalschutz, und ich hab das auch bezahlt. Es ist schön, dass ich's hab. Manchmal is es schön, net immer, ne. Jetz geht’s ja wieder, weil jetz is's abgedeckt, jetz is's wärmer drin, und ich hab kein Wasser mehr drin steh'n. Und sonst hoff ich halt amal, dass mal einer kommt und sagt: 'Da hast' ein paar Euro', und dann hab ich's los. Weil ich muss' net unbedingt haben."

(Ludwig Heldwein, Besitzer der ehemaligen Synagoge)

Rimpars Bürgermeister Burkard Losert

"Eine Tafel erinnert an die Lehmanns, die in diesem Haus wohnten. Damals war das ja ein sogenanntes Lusthaus unseres Fürstbischofs Julius Echter. Dann ist es durch die Säkularisation 1803 in Privatbesitz gekommen, und die Lehmanns haben hier einen Teil dieses Gebäudes übernommen, wo heute die Apotheke zuhause ist."

(Burkard Losert, Bürgermeister von Rimpar)

Gedenktafel am Geburtshaus der Brüder Lehmann in Rimpar

"Was ich schade finde, ist, dass der Name Lehmans jetzt durch diese Krise, Weltwirtschaftskrise, so schlecht daherkommt. Und jeder verbindet das gleich damit. Das ist eigentlich nicht gerechtfertigt. Die hatten das ja schon Jahrzehnte vorher verkauft, das hat ja mal American Express gekauft, und haben eigentlich mit dieser ganzen Geschichte, dass der Kapitalismus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion praktisch in Wildwestmanier wieder losgelegt hat, damit haben sie überhaupt nix zu tun gehabt. Man muss das so sehen: das sind Giganten der amerikanischen Wirtschaft, die haben da ganz viel geleistet, und natürlich sind wir als Rimparer stolz drauf, dass die hier aus dem Ort kommen, dass sie hier Wurzeln haben. (...)

Spuren hier im Haus? Hm. Oben sind die Decken abgehängt, man hat also nicht mehr das Raumgefühl wie sonst, die Türen sind alt, die Treppe ist sicher aus der Zeit, aber hier ist Apotheke, seit 140 Jahren. Also auch schon was Älteres. Und die überspielt das natürlich. Wie müssen wir uns das vorstellen? Ein Viehhändler in Rimpar, der hat ja ganz sicher nicht hier unten seine Rinder drin stehen gehabt, wo jetzt meine Apotheke ist. Also so stell ich's mir nicht vor."

(Jochen Höhn, Chef der Rats-Apotheke)

Der Historiker Dr. Roland Flade über die Lehman Brothers und die Rimparer Juden

Der Historiker Dr. Roland Flade in seiner Ausstellung über die Lehman Brothers und die Rimparer Juden

"Abraham Lehmann musste schwören bei Gott, bei Adonai, dem jüdischen Namen für Gott, dass er die bayerische Verfassung achtet und dem König treu ist. Gleichzeitig wurden die jüdischen Familien aufgefordert, einen beständigen Nachnamen anzumelden. Früher hatte jeder Jude, auch in der Familie, einen anderen Namen. Also man hat gesagt, das ist Abraham, Sohn des Löw. Dessen Kinder waren dann Sohn des Abraham. D.h. es ist sehr, sehr schwierig, Familienforschung zu betreiben, die über den Beginn des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Und er hat den Namen Abraham Lehmann angenommen. Ursprünglich hieß er Abraham Löw. War also der Sohn eines Juden namens Löw. Seine Kinder hießen dann auch Lehmann. (...)

Das bestimmende Dokument für die bayerischen und fränkischen Juden im 19. Jahrhundert war das sogenannte Judenedikt. Das 1817 in den neuen fränkischen Landesteilen eingeführt wurde. Dieses Edikt brachte viele Vorteile und Neuerungen für die Juden. Sie konnten nun viel mehr Berufe ergreifen, zum Beispiel Landwirt werden oder Handwerker. Es hat aber gleichzeitig ihnen auch Einschränkungen gebracht,  z.B. konnten sie nicht in den öffentlichen Dienst eintreten. D.h. manche Dinge wurden ihnen noch vorenthalten, und man hat sie da vertröstet: irgendwann, wenn sie sich so integriert haben, wie es die bayerische Regierung möchte, dann können sie auch weitere Vorteile genießen.

Die schlimmste und gravierendste Einschränkung des Edikts von 1817 war der sogenannte Matrikelparagraph. Der besagte, dass die Zahl der Juden in allen Städten und Gemeinden nicht vergrößert werden sollte. D.h. in der Regel war es so: eine Familie hatte mehrere Söhne, so wie z.B. die Familie Lehmann, aber es konnte nur ein Sohn in dem Ort oder in der Stadt bleiben, sich niederlassen, eine Familie gründen. Die anderen mussten wegziehen. Das Ziel war also, die Zahl der Juden in Bayern nicht größer werden zu lassen. (...)

Jetzt haben wir diese Situation, dass Abraham Lehmann vier Söhne hat. Einer kann seine Berufstätigkeit, nämlich eben das Gewerbe des Viehhändlers übernehmen, wenn Abraham Lehmann seinen Beruf aufgibt, die anderen hatten aber keine Chance, in Rimpar zu bleiben. (...)

Amerika war das erste Land in der Weltgeschichte sozusagen, wo Juden und Christen vor dem Gesetz völlig gleich waren. Die dieselben Rechte hatten. Und natürlich war es ein riesengroßes Land mit immensen Möglichkeiten. Und das ist der Grund, weshalb im 19. Jahrhundert Zehntausende von bayerischen Juden in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind. Auch Menschen, deren Namen heute noch bekannt sind. Zum Beispiel das Kaufhaus Bloomingdale's wurde von den Söhnen eines Auswanderers namens Blumenthal aus Franken gegründet. Die Geschichte von Levi Strauss, der die Jeans erfunden hat, ist ja bekannt."


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