Bayern 2 - Land und Leute


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Die Schürze Eine kleine Kulturgeschichte

In Bayern wird sie noch immer mit Stolz getragen: zum Dirndl etwa, mit dem man nicht nur aufs Oktoberfest, sondern auch zum Staatsempfang und zur Hochzeit gehen kann. Doch sie ist eine Textilie von schillerndem Charakter. - Hören Sie eine Kulturgeschichte der Schürze von Ulrike Rückert.

Von: Ulrike Rückert

Stand: 03.01.2016 | Archiv

Oktoberfest-Kellnerin mit weißer Arbeitsschürze | Bild: picture-alliance/dpa

Die allererste Schürze, von Eva getragen und fürgebunden, war aus Feigen-Blättern ...

"Und das Weib [...] brach die Frucht ab und aß und gab ihrem Mann auch davon. Und er aß. Da wurden ihrer beider Augen aufgetan und wurden gewahr, daß sie nacket waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze."

(1. Mose 3, 7-9)

Die Schürze - eine bayerische Spezialität?

Bayern ist eines der letzten Reservate, in denen die Schürze überlebt hat. In Bayern kann man damit auf eine Hochzeit gehen, andernorts tragen sie allenfalls noch Kellnerinnen und Marktfrauen bei der Arbeit. Insofern zählt die Schürze zu den bayerischen Spezialitäten, historisch betrachtet ist sie eine Textilie von schillerndem Charakter.

Kleiderschoner, Dienstmädchenuniform und luxuriöses Accessoire

Dienstmädchen mit Schürze hilft beim Ankleiden

Gestreift, gerüscht oder bestickt, aus derbem Tuch, Seide oder zartem Batist, blau, schwarz oder blütenweiß - wer welche Schürzen tragen sollte, musste, durfte oder nicht, war genau bestimmt von Rang, Stand und Mode. Schürzen waren Kleiderschoner, Dienstmädchenuniform und luxuriöses Accessoire, sie symbolisierten bürgerliche Häuslichkeit und beschworen Illusionen vom einfachen Landleben.
Uniformen für Dienstmädchen waren bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts nicht üblich. In einem herrschaftlichen Haushalt empfing nicht weibliches Personal die Gäste und servierte bei Tisch, sondern es waren livrierte Diener. Die weiblichen Dienstboten unterschieden sich durch ihre Schürzen, nämlich die Köchinnen in farbigem, die Kindermädchen in weißem Leinen und die Zimmermädchen und Zofen in Batist.
Wo es nur zu einem "Mädchen für alles" reichte, pflegte man keine strenge Etikette. Doch in der Gründerzeit wuchsen die Ansprüche und die sozialen Ambitionen. Das Dienstmädchen musste etwas hermachen.

Die Schürze illustrierte Geschlechterrollen und soziale Hierarchien

Mann mit Arbeitsschürze

Frau gleich Schürze hieß es - obwohl fast alle Männer Schürzen trugen. Tagtäglich über zahllose Hosen gebunden, war sie dennoch das Gegenstück zur Hose. In Schwänken steht die Welt auf dem Kopf, wenn die Frau dem Mann die Hose abnimmt und ihm die Schürze umbindet. Wer die Hosen anhat, hat das Sagen, wer Schürzen trägt, soll parieren. Wer am Schürzenbändel hängt, steht unter dem Pantoffel.
Als Schutz bei der Arbeit trugen auch die Männer Schürzen, als Kleidungsstück waren sie Frauensache. Männer jagen den Schürzen nach oder hängen an ihrem Bändel. Die Schürze illustrierte Geschlechterrollen und soziale Hierarchien. Heute verbreitet sie in der Werbung anheimelnde Nostalgie - und erscheint gelegentlich als Gag auf den Laufstegen der Haute Couture. Ganz verschwinden wird sie nicht. Schon gar nicht auf dem Oktoberfest.


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