Bayern 2 - Land und Leute


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Die beiden Leben des Kraudn Sepp von Gaißach (2/2) Der fahrende Sänger

Der Kraudn Sepp aus Gaißach ist eine Isarwinkler Musiklegende. Er wurde vom braven Mann zum wilden Sänger, zum Vorbild für die aufmüpfige Volksmusikszene. Barbara Doll schildert die zwei Leben des Josef Bauer.

Von: Barbara Doll

Stand: 10.06.2019 | Archiv

"Er hod ja zerscht oiwei mit seiner Frau Musi gmacht und auf amoi war die nimmer do. I denk, dass des scho a guads Ventil is, dass’d alloa a Musi macha konnst. Und i glab, alloa geht’s hoid am beschdn, wennst no singst."

(Sepp Kloiber, Großneffe vom Kraudn Sepp)

Er wurde zum "fahrenden Sänger"

Der Kraudn Sepp spielt Zither in einem Wirtshaus

Innerhalb kürzester Zeit machte der Kraudn Sepp eine Wandlung durch, die seine Umgebung nicht wenig verblüffte. Früher war er so gut wie nie im Wirtshaus gewesen. Jetzt saß er jeden Tag dort, spielte Zither und sang wilde Lieder und Gstanzl. Er sehnte sich nach Gesellschaft und Applaus. Aus dem einst so braven Bauern war so etwas wie ein fahrender Sänger geworden.

Stofferl Well

"A Mensch wia da Kraudn Sepp, glab i, der hat se wirklich ned den Kopf gmacht, ob des, was er macht, echte Volksmusik ist. Der war vui z’schlau und vui z’frei vom Kopf her, als dass er sich da selber gängelt hätt. Der hat des gmacht, was er gern gmacht hat."

(Stofferl Well)

Eine bayerische Kultfigur

Josefs Frau Anna Bauer

Hätte man dem Kraudn Sepp gesagt, zu welcher Kultfigur er nach seinem Tod aufsteigen würde, hätte er wahrscheinlich nur schelmisch gezwinkert. 40 Jahre lang hat er brav im Gaißacher Sänger- und Zitherquartett musiziert.

Seine Frau Anna war der Kopf dieser Gruppe, eine kluge Frau, die Noten- und Liederhefte anlegte, bekannte Stücke hineinschrieb oder neues Repertoire, das sie aus gedruckten Liedersammlungen übernahm, von Georg Queri oder Franz von Kobell. Von 1925 bis 1961 führte sie ein Heft, in dem sie alle Auftritte notierte - mit Orts- und Zeitangabe, Anlass und Verdienst.

Sepp Bauer war glücklich auf dem Kraudnhof. Anna und er führten eine harmonische Ehe. Als das geliebte Annei 1964 an Krebs starb, fiel Josef Bauer in eine tiefe Depression, aus der ihm die Musik heraushalf. Sein zweites Leben begann ...

Buidl vom Kraudn Sepp

Das Gaißacher Sänger- und Zitherquartett

Von 1924 bis 1964 bestand das Gaißacher Sänger- und Zitherquartett. (v.l.) Josef u. Anna Bauer, Benedikt u. Maria Trischberger

Ihre freie Zeit widmeten Sepp und Anna ganz der Musik. Mit dem Gaißacher Sänger- und Zitherquartett traten sie in den 40 Jahren seines Bestehens an die 600 Mal auf. Sie hatten ein großes Repertoire - von raren Liedern aus der Zeit um 1900 bis zu neuen Landler-Kompositionen.

Meist spielten sie bei Dorffesten, privaten Feiern oder Musikantentreffen. Die Auftrittsorte lagen in einem Umkreis von 30 Kilometern um Gaißach, in den heutigen Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach - eben dort, wo sie mit dem Radl noch hinfahren konnten.

Mit dem Tölzer Kurverein traten sie sogar bei Heimatabenden in Dresden und Berlin auf. Anna Bauer überprüfte die Auftrittsangebote und wählte sie aus. Touristische Veranstaltungen und das Aufspielen in Kneipen lehnte sie ab. Die Gagen für die bezahlten Auftritte betrugen im Schnitt sieben Mark.

Freundschaft mit dem Kiem Pauli

Paul Kiem alias Kiem Pauli

Mit dem Kiem Pauli,  einer weitbekannten Institution der oberbayerischen Volksmusikpflege, verband Anna und Sepp Bauer eine lange Freundschaft: Finanziell gesponsert von den Wittelsbachern, fuhr der Kiem Pauli mit dem Radl und einer zerlegbaren Zither im Rucksack als Volksliedsammler und -forscher durch Oberbayern.

Dabei war er stets auf der Suche nach den, wie er schrieb, "wurzelechten" Volksliedern, die "aus dem Volk frei heraus wachsen".

CD-Tipp:

"Sonntag"

  • Musik: Kraudn Sepp
  • Audio CD (28. März 2005)
  • Anzahl Disks/Tonträger: 1
  • Format: Enhanced, Doppel-CD
  • Label: Trikont (Indigo)
  • ASIN: B0007XMKE4

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