Bayern 2 - Land und Leute


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August Engelhardt Nudist und Kokosnuss-Apostel aus Franken

Zivilisationskritiker und Weltverbesserer aller Art gab es vor 100 Jahren nicht nur in München-Wahnmoching. Der vielleicht radikalste war August Engelhardt aus Nürnberg, der die Kokosnuss zur Götterspeise erklärte und von Papua-Neuguinea aus ein internationales tropisches Kolonialreich des Fruktivorismus gründen wollte.

Von: Thomas Kernert

Stand: 15.08.2015 | Archiv

Kokosnuss wird vom Meer angespült | Bild: picture-alliance/dpa

August Engelhardt, einsamer Kämpfer für "Kokovorismus" und Nudismus

Affe frisst genüsslich eine Kokosnuss

Auch Spötter essen Brot. Auch Spötter spielen Lotto. Auch Spötter feiern Weihnachten und kauen Fingernägel. Spott ist billig. Am billigsten ist er dann, wenn er einer so genannten „weit verbreiteten Meinung“ sein Wort leiht. Zu den am weitesten verbreiteten Meinungen in Mitteleuropa gehören sicherlich die Standpunkte, dass die Sonne ein Planet, die Kokosnuss eine einsamige Steinfrucht und das Tragen von Kleidern in der Öffentlichkeit seit dem Ende des Paläolithikums eine Selbstverständlichkeit sei.

August Engelhardt, geboren 1875 in Nürnberg, gestorben 1919 auf Kabakon, Papua-Neuguinea, war in all diesen Punkten anderer Ansicht.

Sich über ihn lustig zu machen, erfordert insofern weder Mühe noch Mut, und man tat es mit Hingabe und Leidenschaft. Ganz offensichtlich gehörte er zu jener internationalen Schar von Narren, die es stets und überall geben muss und der, wie es scheint, vor allem die Aufgabe zufällt, durch ihr absolut lächerliches Scheitern der Mehrheit zu beweisen, wie recht sie doch mit ihren billigen Mehrheitsmeinungen über die Sonne, die Kokosnuss und das Tragen von Kleidern hat.

Wie kam die Kokosnuss nach Nürnberg?

Kokosnüsse können wochenlang im Meer treiben, ohne ihre Keimfähigkeit zu verlieren. Auf diese Art und Weise breiten sie sich in tropischen Gefilden schnell aus. Wie sie jedoch einst in das meerferne Nürnberg gelangten, ist unbekannt. Ausgerechnet dort fanden sie um das Jahr 1899 herum in dem Apothekenlehrling August Engelhardt einen ihrer glühendsten Apologeten.

"Die Kokosnuss ist Gott in nuce"

August Engelhardt (oben) mit dem Musiker Max Lützow auf der Insel Kabakon im Bismarck-Archipel (1906)

Überdrüssig der europäischen Zivilisation und fränkischer Bratwürste erkannte Engelhardt in der Kokosnuss die einzige und wahre Götterspeise. Der Kerngedanke seiner "Kokovorismus" (nicht zu verwechseln mit Kokolores) genannten Theologie lautete: "Die Kokosnuss ist Gott in nuce". Woraus folgt: Wer die edle Nuss (die eigentlich gar keine Nuss, sondern eine Steinfrucht ist) isst, isst Gott, wer sie nackt isst, isst Gott in nuce. Da der Nudismus um 1900 in Nürnberg noch unterentwickelt war, machte sich Engelhardt bald nach der damals deutschen Kolonie Papua-Neuguinea auf und gründete dort einen "Sonnenorden". Eine Zeitlang soll diese Hippiekommune ante rem bis zu dreißig Anhänger gehabt haben.

Nur Kokosnuss war auch keine Lösung

Leider jedoch erwies sich der ausschließliche Verzehr von  Kokosnüssen als nicht ganz so göttlich wie gemutmaßt. Und auch die Pläne für ein "internationales tropisches Kolonialreich des Fruktivorismus" verdorrten bald schon kümmerlich unter der Äquatorsonne. Der erfahrene Kokologe Thomas Kernert berichtet ...

Buchtipp:

Das Paradies des August Engelhardt: Roman

  • Autor: Marc Buhl
  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
  • Verlag: Eichborn Verlag; Auflage: Aufl. 2011 (22. Februar 2011)
  • ISBN-10: 3821861487
  • ISBN-13: 978-3821861487

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