Bayern 2 - Land und Leute


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Gehupft wie gesprungen Kleine bayerische Flohkunde

Früher waren die kleinen Quälgeister eine weit verbreitete Plage, heute zählen sie zwar nicht zu den bedrohten Arten, aber doch zu den eher seltenen Erscheinungen – zumindest als Gesellschafter des Menschen. Auf jeden Fall sind sie die Stars unserer kleinen Flohkunde.

Von: Sarah Khosh-Amoz

Stand: 10.01.2016 | Archiv

Flohzirkusdirektor Robert Birk | Bild: Ulrich Benz

Es juckt und beißt. Schuld daran ist ein Vertreter der "Siphonaptera", so der wissenschaftliche Name für die Kategorie jener flügellosen Blutsauger, die man gemeinhin als "Flöhe" bezeichnet. Und zu diesen gehört auch "Pulex irritans", der Menschenfloh. Das Problem mit ihm ist, dass er beim Trinken etwas Speichel in die Haut spritzt, der wiederum einen extrem starken Juckreiz auslöst. Zahllose Menschen hat er um den Schlaf gebracht, mit flinken Fingern wurde er gejagt und erlegt, vorzugsweise von Frauen. Deren "süßes" Blut nämlich bevorzuge er, hieß es - weshalb er als Feinschmecker galt.

Flöhe sind Feinschmecker ...

"Flöhe bevorzugen das süße Blut der Frauen"

"Man war sich völlig einig, dass Flöhe vor allem Frauen stechen. Flöhe sind Feinschmecker, bevorzugen das süße Blut und die zarte Haut der Frauen. (...) Dadurch, dass man die Flohsuche ganz dezidiert mit Frauen in Verbindung gebracht hat, war ein flohsuchender Mann eigentlich eine verkehrte Welt, war grotesk, war witzig." (Prof. Dr. Marion Maria Ruisinger, Leiterin des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt und ausgewiesene Flohexpertin)

"Sei Frau hat ausgeschaut wie ein Streuselkuchen, das war ganz heftig. Die ist durch einen vier Wochen zuvor brach gelegten Hühnerstall gegangen und das sollte man nicht machen, wenn man anfällig ist. Und die hat wahrscheinlich 1000 Flöhe an sich gehabt. Ja, die hat sich dann in die Badewanne reingelegt und hat dann in der Badewanne drinnen die ganzen Flöhe runterklaubt." (Robert Birk, Flohzirkusdirektor)

Der Floh galt jahrhundertelang als lästiger Blutsauger

Flohzirkus-Floh an goldener Drahtschlinge

Tatsächlich stammt der Floh aus einer Zeit, in der die Dinosaurier schon ausgestorben waren, der Mensch aber noch längst nicht existierte. Als Mensch und Floh sich dann das Erdendasein teilen mussten, wurde das Tierchen zum Plagegeist – und als Überträger der Pest auch zur lebensgefährlichen Bedrohung. Dieses Wissen ist jedoch erst hundert Jahre alt, zuvor hat man weder den Floh noch die Ratten mit der Pest in Verbindung gebracht. Entsprechend galt der Floh zwar jahrhundertelang als lästiger Blutsauger, aber als ein unschuldiger. Nur so ist es verständlich, dass ihn in Kunst und Literatur ein witziger, sympathischer, ja sogar erotischer Nimbus umgibt.

"Dass er ein fröhlicher Draufgänger ist, konnte man damals sogar medizinisch begründen. Wir sind in der Frühen Neuzeit, in der Zeit der Vier-Säfte-Lehre, wo man sagte, dass der Mensch durch vier Säfte: Blut, gelbe Galle, schwarze Galle, Schleim, bestimmt wird. Der Floh, der sich ausschließlich vom Blut ernährt, muss natürlich vom Blut bestimmt sein in seinem Charakter, d.h. er ist ein Sanguiniker. Die Sanguiniker sind die lebensfrohen Leichtfüßler, die fröhlich daher kommen, die dauernd verliebt sind. Das ist der Floh, ein fröhlicher Draufgänger."

(Prof. Dr. Marion Maria Ruisinger, Leiterin des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt und ausgewiesene Flohexpertin)

Robert Birk - Flohzirkusdirektor aus Leidenschaft

Zirkusdirektor Robert Birk bei seiner Flohzirkus-Vorstellung auf der Wiesn

Inzwischen sind Flohstiche selten geworden. In unseren Breiten stammen sie vom Katzenfloh. Menschenflöhe sind bei uns so gut wie ausgestorben. Das Ende einer Floh-Ära? Nicht so für Robert Birk aus dem oberbayerischen Pörnbach, Flohzirkusdirektor aus Leidenschaft und als solcher einer der letzten seiner Zunft. Er ist gern gesehener Gast auf Bauernhöfen: Dort sucht er Katzenjunge nach Flöhen ab, um diese anschließend zu geschickten Artisten auszubilden, die tanzen und Tore schießen. Sarah Khosh-Amoz hat den Flohzirkus auf dem Münchner Oktoberfest besucht und zeichnet die sprunghaft wechselnde Be- und Verurteilung des Tierchens seitens des "Homo sapiens" nach: vom Plagegeist hüpfend zum Feinschmecker, vom Krankheitsüberträger zum Zirkusartisten.


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