Bayern 2 - Land und Leute


19

"Draußen waren die andern" Kinder im Lager Föhrenwald

Sybille Krafft erzählt die Geschichte jüdischer Kinder, die den Holocaust überlebt haben und nach dem Zweiten Weltkrieg in Föhrenwald, einem Lager für Displaced Persons, aufgewachsen sind.

Von: Sybille Krafft

Stand: 20.04.2014 | Archiv

Beno Salamander mit seiner Schwester Rachel in Föhrenwald, 1953 | Bild: Privatbesitz

Ein polnischer Junge kommt 1951 mit seiner Familie nach Föhrenwald. Dort befindet sich im Wolfratshauser Forst das größte und am längsten bestehende Lager für jüdische Displaced Persons in ganz Deutschland. Heimatlos gewordene Juden aus Polen, Litauen, Russland, Rumänien und Ungarn warten hier auf ihre Ausreise nach Israel oder hoffen, in einem anderen Land ein neues Leben beginnen zu können. Sie bezeichnen sich selbst als "She'erit  Hapletah", was soviel bedeutet wie "Rest der Geretteten".

Lager für "Displaced Persons"

Das "letzte Schtetl in Europa"

Beno ist sieben Jahre alt und eines der zahlreichen Kinder, die im Lager Föhrenwald aufwachsen. Nach Kriegsende entwickelt sich hier das "letzte Schtetl in Europa" mit Kindergärten, Schulen, Synagogen, Sportstätten, Kino und einem eigenen Krankenhaus. Weitgehend abgeschirmt von der Außenwelt leben hier zeitweise bis zu 6000 Menschen.

Glückliche Tage in Föhrenwald

Bronia Kornecki-Dimbeck, 1955 im Lager Föhrenwald

Für die Überlebenden der Schoa bedeuten Kinder in einem ganz besonderen Maße Hoffnung und Zukunft. Doch die Schatten der Vergangenheit sind lang. Einige DPs waren in Konzentrationslagern, viele leiden unter den Folgen von Flucht, Vertreibung und Verfolgung. Alle müssen den Verlust geliebter Menschen verkraften. Von diesen Schicksalen bekommen die Kinder nur wenig mit, denn sie sollen möglichst angstfrei und unbeschwert aufwachsen. So erinnern sich viele Zeitzeugen an glückliche Tage in Föhrenwald, an Abenteuer und Freiheiten sowie an die große Fürsorge der Erwachsenen.

Die polnische Familie Kornecki kam 1953 nach Föhrenwald

Krischa (l.) und Bronia Kornecki (r.) mit ihrer Mutter Marischa, 1955 in Föhrenwald

Das Isartal wurde für die polnische Familie Kornecki zum vorläufigen Endpunkt einer jahrelangen Odyssee. Die Mutter hatte mehrere Arbeitslager, der Vater das KZ überstanden. Nach dem Krieg landeten beide über Umwege in München, wo 1946 ihre älteste Tochter Krischa geboren wurde. Der jungen Familie gelang es, ins damalige Palästina zu emigrieren. Doch der Vater, der vom Konzentrationslager physisch und psychisch gezeichnet war, vertrug das Klima nicht, so dass die Korneckis nach Europa zurückkehren mussten. Sie versuchten, in ihrer polnischen Heimat wieder Fuß zu fassen, wo 1949 ihre zweite Tochter Bronia geboren wurde. Als dort nach mehreren Pogromen die Lage für Juden immer schlimmer wurde, flohen die Korneckis wieder in den Westen und kamen 1953 schließlich nach Föhrenwald.

Aus Föhrenwald wurde Waldram

1957 verlassen die letzten jüdischen Familien das Lager, das 1939 einmal als nationalsozialistische Mustersiedlung für (Zwangs)Arbeiter der nahe gelegenen Munitionsfabriken gebaut worden war. In die Häuser ziehen nun meist katholische, kinderreiche Heimatvertriebene ein. Föhrenwald wird in Waldram umbenannt und ist bis heute ein Ortsteil von Wolfratshausen.

Sybille Krafft erzählt die Geschichte einer lange vergessenen jüdischen Nachkriegskindheit in Bayern.


19