Bayern 2 - Land und Leute


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Kachelöfen für den Kini Michaela May und die Hafnerfamilie Mittermayr

Es ist heute kaum mehr vorstellbar, dass in der Innenstadt von München große Handwerksbetriebe existierten - mit Produktions- und Verkaufsräumen, Pferdeställen und Wagenremisen. Die Hafnerei Mittermayr in der Hackenstraße 4 ist so ein Beispiel. Fast 300 Jahre baute das Unternehmen Kachelöfen, auch für illustre Kunden. Lange Jahre befand sich das Familienarchiv bei Michaela May, die damit gar nichts anfangen konnte - bis zur Walt-Disney-Ausstellung 2008 in München. Heidi Wolf erzählt, wie die bekannte Schauspielerin und die Hafnerei Mittermayr zusammenhängen.

Von: Heidi Wolf

Stand: 11.01.2015 | Archiv

Die Schauspielerin Michaela May | Bild: Heidi Wolf

Die Schauspielerin Michaela May stammt aus der traditionsreichen Hafnerfamilie Mittermayr in der Hackenstraße 4 in München. May ist ihr Künstlername, denn geboren wurde sie als Gertraud Mittermayr. Die Familiengeschichte hat sie lange Zeit nicht interessiert. "Beatles, Rolling Stones - das war meine Welt, aber nicht Kachelöfen aus dem 18. Jahrhundert", erinnert sich die Schauspielerin an ihre rebellische Jugend.

"Dem König waren wohl die Kacheln zu bunt"

Eigenhändiger Brief König Ludwigs II. an die Hafnerei Mittermayr, München 1881/82

Alle Versuche ihres Vaters, ihr das umfangreiche Archiv nahe zu bringen, scheiterten - bis im Herbst 2008 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung die Ausstellung "Walt Disneys wunderbare Welt und ihre Wurzeln in der europäischen Kunst" eröffnet wurde. Spektakulärstes Exponat war ein fast vier Meter hoher Kachelofen, den Ludwig II. 1880 für sein Schloss Neuschwanstein bestellt hatte, dann aber gar nicht aufstellen ließ. "Dem König waren wohl die Kacheln zu bunt", vermutet Michaela May. Die Restauratorin bei der Bayerischen Schlösserverwaltung Barbara Nahstoll hatte die Einzelteile auf dem Speicher des Schlosses gefunden und Michaela May um einen Einblick ins Archiv gebeten: 50 Leitz-Ordner in sechs Kisten, eingelagert auf einem gemieteten Speicher. Die Restauratorin war begeistert von dem umfangreichen Material, das bis ins Jahr 1740 zurückreicht: darunter ein Wanderbüchlein aus dem Jahre 1869, Arbeitsbescheinigungen auf wertvollem Hadernpapier mit alten Stadtansichten von Würzburg und München, ein reich dekorierter Meisterbrief aus dem Jahre 1920, Rechnungen über Ein- und Verkäufe.

"Walt Disneys wunderbare Welt" ...

Der 4 Meter hohe Kachelofen für König Ludwig II.

Ausstellung in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München von September 2008 bis Januar 2009. - Diese Schau sollte zeigen, wie tief Disneys Bilderwelt in der europäischen Kunst des 19. Jahrhundert verankert ist.

"Zunächst war geplant, ein Modell von Schloss Neuschwanstein zu präsentieren", erzählt Barbara Nahstoll, Keramikrestauratorin bei der Bayerischen Schlösserverwaltung. "Eigentlich ist Neuschwanstein die Urvorstellung des idealen Märchenschlosses. Also jeder heutzutage, der Märchenschloss denkt, sieht eigentlich Schloss Neuschwanstein in übersteigerter Form."

Eine Kopie des Märchenschlosses im Miniformat erwies sich aber als zu kompliziert. Barbara Nahstoll hatte eine andere Idee und hier kommt Michaela May mit ihrer Familiengeschichte ins Spiel: "Dann hatte ich mich erinnert, dass es da im Ludwig II-Museum auf Herrenchiemsee einen Kachelofen gibt, der ja relativ ähnlich zu dem Schloss ausschaut und ein bisschen so kurios ist, also die Verbindung so ein bisschen Bauklötzchen-Style. Insofern war halt ein bisschen so die Optik, dass man sagt, das ist sowohl Neuschwanstein als auch Comic-Style."

Dieser Kachelofen aus dem Jahr 1880, hergestellt in der Hafnerei Mittermayr ist aber - wie zwei weitere Öfen auch - in Neuschwanstein nie aufgebaut worden. Die Einzelteile lagen über ein Jahrhundert lang unbeachtet in einem Gitterverschlag auf dem Dachboden des Märchenschlosses.

Professionelles Archiv

Nach der Disney-Ausstellung machte sich Michaela May auf die Suche nach einem professionellen Archivverwalter. Sie übergab alle Dokumente dem Bayerischen Wirtschaftsarchiv, das seit 20 Jahren bei der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern angesiedelt ist. Es betreut 200 Unternehmen, Verbände und Institutionen und dokumentiert an ihrem Beispiel ein Stück Wirtschaftsgeschichte in Bayern.

"Eva Moser, die Leiterin des Bayerischen Wirtschaftsarchivs, hat sich richtig gefreut, dass sie die ganzen Unterlagen gekriegt hat - und ich war so heilfroh, dass ich einen Platz gefunden hab, wo jede Seite in säurefreies Papier eingewickelt wurde wie hier. Ich bin ganz stolz, dass ich das geschafft hab. Weil das war immer noch so ein Druck und eine Bürde, die mir mein Vater 2002 bei seinem Tod hinterlassen hat und ich hab gedacht, mei, was soll ich mit diesem ganzen Zeug machen."

(Michaela May)

Anneliese Mittermayr

Anneliese Mittermayr, Mutter von Michaela May

Glücklich über diese Wende ist auch Anneliese Mittermayr, die 93jährige Mutter von Michaela May. Sie lebt im Augustinum in Dießen am Ammersee, leitet dort eine Töpfergruppe, singt im Chor, schreibt kleine Theaterstücke  und ist immer noch eine begabte Zeichnerin. Aufgewachsen ist sie in der Blumenstraße in München, im Feuerwehrhaus, denn ihr Vater war der städtische Branddirektor Karl Dirnagl, den die Nazis "wegen politischer Unzuverlässigkeit" aus dem Dienst entfernten. Annliese Dirnagl und ihr späterer Mann Josef Mittermayr waren Nachbarskinder. Sie heirateten mitten im Zweiten Weltkrieg und mit einer Krippe begann die Töpferleidenschaft der Anneliese Mittermayr:

"Mein Mann war ein Kripperlnarr und wie der ins Feld kommen is, hab ich ihm gleich fürs erste Weihnachten die heilige Familie aus Ton gemacht und dann fotografiert und nausgschickt. Diese Krippe ist dann sehr erweitert worden, besteht heute noch mit fast 40 Figuren. Da ist das dann angegangen, dass ich gemerkt hab: Das kann ich ganz gut. - Ton liebe ich, denn der Ton ist so ein fantastisches Material. Wenn Sie da ein bisschen Geschick haben dazu, da können Sie alles machen, alles Mögliche machen."

Das Zeichentalent kam Anneliese Mittermayr auch in der Hafnerei zugute. Sie bemalte Kacheln auf Bestellung:

"Da haben die Leute Jagdmotive wollen oder Schmetterlinge oder Briefmarken. Da hab ich dann Briefmarken drauf gemalt. Und da sind wir dann in sehr interessante Wohnungen reinkommen. Des waren so Großkopferte, muss ich ganz ehrlich sagen, die Neureichen, haben's geheißen. Aber die wollten alle einen Kamin. Und die haben auch meistens schon irgendeine Jagdhütte ghabt.Da sind wir dann mit hingfahren und haben da noch was reingebaut. Da ist das plötzlich wieder ganz in die Höhe gegangen."

Das war in der Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders. Josef Mittermayr kümmerte sich nach der Heimkehr aus dem Krieg zunächst um die Hafnerei, mit wachsendem Interesse, wie Anneliese Mittermayr erzählt:

"Da hat's damals gleich eine Handwerksausstellung geben draußen am Bavariaring. Da haben wir unsere Zeichnungen und Konstruktionen hergezeigt und auch die Fotografien von den bereits gebauten Öfen, die ja damals wieder gekommen sind, weil die Leute haben plötzlich Landhäuser gehabt und da wollten sie doch wieder einen Kachelofen haben mit einer Sitzbank, einer gekachelten Sitzbank. Jedenfalls ist die ganze Sache wieder umgekehrt und des hat ihnen gefallen."


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