Bayern 2 - Land und Leute


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Wolfratshausen Geschichte einer jüdischen Frauenschule

Sybille Krafft schildert die bewegende Geschichte einer jüdischen "Wirtschaftlichen Frauenschule auf dem Lande" in Wolfratshausen, von ihren Anfängen am 1. Mai 1926 bis zu ihrer Schließung durch die Nazis am 9. November 1938.

Von: Sybille Krafft

Stand: 01.05.2015 | Archiv

Ausstellung über jüdische Mädchenschule im Maximilianeum, 2007 | Bild: picture-alliance/dpa

"Wolfratshausen wurde judenfrei!", schreibt das örtliche Tagblatt nach der sogenannten Reichskristallnacht am 9. November 1938. Damit endet die Geschichte einer jüdischen Hauswirtschaftsschule, die einst so hoffnungsvoll begann.

"Die Empörung über den feigen jüdischen Meuchelmord in Paris löste auch in unserem Markt Wolfratshausen eine spontane Aktion gegen die hiesigen Juden aus, die zur Ausweisung sämtlicher ortsansässiger Juden und zur Schließung der jüdischen Frauenschule führte. Damit ist endlich ein Schandfleck beseitigt, der schon längst bei der artbewussten Bevölkerung Anstoß erregte. Das Anwesen der jüdischen Frauenschule wurde von der Kreisleitung der NSDAP übernommen und wird einer dem Allgemeinwohl dienenden Bestimmung zugeführt."

(Journalist, 'Wolfratshauser Tagblatt', 12.11.1938)

Zufluchtsort für jüdische Mädchen

Am 1. Mai 1926 wurde die "Wirtschaftliche Frauenschule auf dem Lande" im Isartal eröffnet. Hier sollten jüdische Mädchen auf ihre künftige Aufgabe als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden. Anfangs waren es acht, später bis zu 100 Schülerinnen, die in dem Pensionat unterrichtet wurden. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme entwickelte sich die Ausbildungsstätte immer mehr zu einem Zufluchtsort für jüdische Mädchen, die von ihren Schulen vertrieben wurden.

Lehrerinnen und Schülerinnen mussten die Stadt verlassen

Schon vor 1933 war das "Judenheim" nicht bei allen Wolfratshausener Bürgern gern gesehen. Aber erst unter dem nationalsozialistischen Regime begannen sich steigernde Drangsalierungen. Wiederholt wurde der Bürgermeister bei der Regierung vorstellig, um eine Schließung der Schule zu erreichen. Das Pogrom vom 9. November bot ihm dann die lang ersehnte Gelegenheit, die "Judenplage" los zu werden. Lehrerinnen und Schülerinnen wurden gezwungen, innerhalb von zwei Stunden die Stadt zu verlassen. Gemeinsam mussten sie mit der Isartalbahn nach München fahren. An der Endstation warteten vier Gestapo-Männer in Zivil.

"Rassische Fremdlinge"

Das "Wolfratshauser Tagblatt", das im November 1938 nach der Vertreibung der Frauen triumphierend verkündet hatte, dass der Ort nun endlich "judenfrei" sei, berichtet zwei Jahre später über die Frauenschule:

"Dieser Fremdkörper in der rein oberbayerischen Gegend konnte sich nie richtig einbürgern, da er auf Ablehnung in der Bevölkerung stieß. Mit großer Befriedigung wurde daher nach der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus der Abzug dieser rassischen Fremdlinge und die Indienststellung des früheren Hotels Krohnmühle samt Nebengebäuden nach einem größeren Umbau zu einem Gemeinschaftshaus für Gefolgschaftsmitglieder aufgenommen."

(Journalist, 'Wolfratshauser Tagblatt', 1940)

Sybille Krafft schildert die bewegende Geschichte der Schule und verfolgt die Spuren der aus Wolfratshausen vertriebenen Frauen.

Buchtipp:

Erschienen 2007 im Verlag Dölling und Gallitz

"Wir lebten in einer Oase des Friedens ..."
Die Geschichte einer jüdischen Mädchenschule 1926-1938

Herausgeberin/Autorin: Kirsten Jörgensen, Sybille Krafft
Broschiert: 144 Seiten
Verlag: Dölling und Galitz Verlag
Auflage: 1., Aufl. (Oktober 2007)
ISBN-10: 3937904522
ISBN-13: 978-3937904528

1926 wurde von der Münchner Ortsgruppe des "Jüdischen Frauenbundes" in Wolfratshausen die "Wirtschaftliche Frauenschule auf dem Lande" gegründet, die erste jüdische Einrichtung dieser Art in Deutschland. Es war ein wegweisendes Projekt der "jüdischen Selbsthilfe", um in der Zeit der Verfolgung durch die NS-Herrschaft der besonderen Diskriminierung von jüdischen Frauen und Mädchen entgegenzuwirken. In Wolfratshausen absolvierten die Mädchen ihr "Frauenlehrjahr". Sie wurden hier in einem zweisemestrigen Kurs mit landwirtschaftlichen Arbeiten und mit ihren späteren Aufgaben als Hausfrau und Mutter vertraut gemacht. Vor allem aber erwarben sie sich mit der Abschlussprüfung die Grundlage für weiterführende wirtschaftliche, soziale und pädagogische Berufe. Ehemalige Schülerinnen, die für dieses Projekt befragt wurden, erinnern sich gern an ihre Zeit in Wolfratshausen zurück: "Wir lebten in einer Oase des Friedens ...", heute wissend, was sich damals drohend am Horizont abzeichnete. "Wolfratshausen wurde judenfrei!" So lautete am 12. November 1938 die Überschrift zu einem Artikel im "Wolfratshauser Tagblatt". Damit endet 1938 die Geschichte einer jüdischen Frauenschule, die einst so hoffnungsfroh begann.

Sybille Krafft

Die Historikerin und Autorin Sybille Krafft

Sybille Krafft ist Dokumentarfilmerin, Journalistin, Radio- und Buchautorin sowie Ausstellungskuratorin. Sie hatte Lehraufträge an den Universitäten von München und Innsbruck. Häufig referiert sie in Vorträgen und moderiert Veranstaltungen zu geschichtlichen Themen. Sybille Krafft lebt in Icking wenige Kilometer südlich von München. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Beruflich arbeitet Sybille Krafft hauptsächlich für die Redaktion "Unter unserem Himmel" im Bayerischen Fernsehen und ist maßgeblich am Aufbau des Zeitzeugenarchivs im Bayerischen Rundfunk beteiligt. Im Ehrenamt arbeitet sie seit 2000 als Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen und seit Herbst 2012 als Vorsitzende des Vereins Bürger fürs BADEHAUS Waldram-Föhrenwald in Waldram im ehemaligen Lager Föhrenwald und hat zahlreiche Projekte zur regionalen Spurensuche initiiert.


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