Bayern 2 - Land und Leute


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Ingrid Amslinger Die Begegnungen einer Fotografin

"Zur Kunst fehlte mir die wirkliche Begabung", sagt sie von sich. In Wahrheit ist sie als Lichtbildnerin und Schattenfängerin eine Künstlerin von hohen Graden. - In Gesprächen mit Barbara Knopf nehmen die Lebenslinien dieser Schwarzweißfotografin Konturen an ...

Von: Barbara Knopf

Stand: 25.05.2015 | Archiv

Ingrid Amslinger | Bild: Ingrid Amslinger

Ingrid Amslinger ist sich selbst die größte Kritikerin - hielt sich für künstlerisch unbegabt. Was aber dann? Wie rauskommen aus der geistigen Enge im Nachkriegs-Günzburg, wie mit der Liebe zur Kunst einen Lebensunterhalt verdienen, der Selbständigkeit und Freiheit verspricht? "Lerne Fotografie" war einer jener Hinweise, der Lebensweichen stellt. Und dann hatte sie ja schon als Kind den Architekten und Universitätsprofessor Hans Döllgast getroffen, den Stadtplaner und behutsamen Rekonstrukteur des kriegsverwundeten München. Döllgast erkannte die künstlerische Begabung einer Zehnjährigen und schickte reizende Grußbotschaften ...

"Liebes kleines Fräulein, der Professor traut sich nimmer mit der Hand schreiben, weil alle sagen, dass man davon nichts lesen kann, aber es drückt mich schon lange, dass ich Deinen lieben schönen Brief nicht beantwortet und gar nicht für die Gemälde bedankt habe. Der Bruder, dem ich's aufgetragen habe, hat sicher darauf vergessen. Grüß Deine Mutter recht schön und sag dem Bruder, er soll Dich einmal nach München mitnehmen, weil ich doch immer nur nachts an Günzburg vorbeifahre und schwerlich aus dem Zug springen kann. Dein Professor Döllgast."

(Hans Döllgast)

Sie wurde eine gefragte Architekturfotografin

Hannsjörg Voth bei einer Ausstellungseröffnung in Spanien (2003)

Aus der kindlichen Verehrung wurde profundes Interesse an der Architektur und aus Ingrid Amslinger eine gefragte Architekturfotografin, die in ihrer neuen Wahlheimat München regelmäßig zu Streifzügen aufbrach und die Architektur der Moderne in den Fokus nahm. Schließlich begegnete sie dem Künstler Hannsjörg Voth und wurde zur Vermittlerin seiner außergewöhnlichen Landart-Projekte in der marokkanischen Wüste. Sie schuf die fotografischen Dokumente von der "Himmelstreppe", der "Goldenen Spirale" und der "Stadt des Orion": eine Übersetzung archaischer Sehnsuchtsbilder.

Bedroht durch touristischen Vandalismus

Sie fotografiert alle Arbeiten ihre Mannes, Hannsjörg Voth, auch die großen Objekte in der Wüste: sie erscheinen archaisch, überzeitlich, spirituell, schwebend zwischen einer vergangenen und einer zukünftigen Ewigkeit; auf ihren Fotografien wird seine mythologische Botschaft nachvollziehbar; und hier bleibt sie auch gespeichert, denn vor allem die "Goldene Spirale" und die "Himmelstreppe" sind bedroht durch touristischen Vandalismus. Mindestens genauso wertvoll aber sind die Fotografien vom Leben der Nomaden - die Dokumentation einer mittlerweile fast verlorengegangenen Kultur: Mensch und Herden, dunkle Punkte im steinernen Meer; lagernde Familien, handgewebte Teppiche, Kochstellen auf dem staubigen Sandboden; Zelte, aus unzähligen Stoffflicken; Männer mit weißen Turbanen und Kamelen; der heilige Ernst von Kindergesichtern, in die schon die Anstrengung der Wüste geschrieben ist ...

"Marokko wurde mir immer fremder von der Kultur her, also dieser Islam ist einem doch sehr, sehr fremd. In dem Moment, wo die Exotik abbricht und dies alles nicht mehr neu ist, schaust Du mehr hinter die Kulissen und dann merkst Du, dass da eben doch vieles auch nicht stimmt, was Du am Anfang ganz toll fandst oder so. Ich könnte da nicht leben, ich käm' mit der Kultur nicht klar. Auch die ganze Intelligenz der Frauen, der weiblichen Seite, wird ja nicht benützt, sondern sie wird ja unterdrückt und weggesperrt. Und ich hab die immer als unheimlich stark und groß erlebt, das ist ganz verrückt, die haben für mich eine wahnsinnige Ausstrahlung gehabt. Und jedes Mal, wenn ich wieder ankam und zu den Nomaden ging zum Begrüßen, merkte ich, ich beug mich runter, und ich hatte die hier in Erinnerung immer als riesengroße Frauen, also so 'ne Ausstrahlung haben die. Und die Männer wissen ganz genau, dass sie ohne Frauen in der Wüste verloren wären."

(Ingrid Amslinger)

Fotografien von Ingrid Amslinger

Eine künstlerische Symbiose ...

Das Ehepaar Voth und Amslinger - eine künstlerische Symbiose, fast wie bei Christo und Jeanne Claude. Nur dass Ingrid Amslinger zwar den Kopf aus einer fliegenden Cessna herausstreckt, aber nie aus dem Schatten der zweiten Reihe hervortreten will.

"Ich kannte den Jörg schon über Briefe ein Jahr lang. Das war ein Mann, das werd' ich nie vergessen, wir saßen auf dem Bett und er hat mir Geschichten erzählt, und wir haben geweint und gelacht, also es war alles so emotional, was ich es noch nie bei einem Mann so erlebt hab', so Gefühle auch zu zeigen. Er konnte wunderbar Geschichten erzählen und da hab' ich mich total verknallt."

(Ingrid Amslinger)


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