Bayern 2 - Land und Leute


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Hugo Höllenreiner Eine Kindheit in Auschwitz

Als Kind hat Hugo Höllenreiner das Grauen erlebt - und er hat es überlebt. Um als Erwachsener mit diesen schrecklichen Erfahrungen leben zu können, war es hilfreich für ihn, darüber zu sprechen. Als Zeitzeuge erzählte er mehr als zwanzig Jahre lang vor Schulklassen von seinen Erlebnissen. Für dieses Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet. Am 10. Juni dieses Jahres ist er in Ingolstadt gestorben.

Von: Ulrich Trebbin

Stand: 01.11.2015 | Archiv

Im sogenannten "Zigeunerlager" von Auschwitz-Birkenau waren mehr als zweiundzwanzigtausend deportierte Sinti und Roma gefangen. Nur dreitausend haben überlebt. Einer von ihnen war der Münchner Sinto Hugo Höllenreiner. Er war neun, als die Nazis ihn, seine Eltern und fünf Geschwister abtransportierten. Über das traumatisierende Grauen, das er dort erlebte, hat er jahrzehntelang geschwiegen. Erst in den 90er Jahren hat er angefangen, in Schulen zu gehen und über seine Erlebnisse zu berichten - da war er bereits über 60 Jahre alt.

Fahrt ins Vernichtungslager Auschwitz

Der Eingang zum ehemaligen Stammlager des KZ Auschwitz

Am 8. März 1943 um fünf Uhr früh nimmt die Polizei die ganze Familie fest und bringt sie in eine Sammelzelle im Polizeipräsidium in der Münchner Ettstraße. Angeblich sollen sie nach Polen umgesiedelt werden. Insgesamt stehen 30 Familienmitglieder der Höllenreiners auf der Liste.
Fünf Tage später werden 140 Sinti und Roma aus München und Umgebung in die Viehwaggons eines Güterzuges getrieben. Stehend, bei großer Hitze, ohne Essen und Trinken, ohne sanitäre Anlagen. Die Fahrt geht ins Vernichtungslager Auschwitz. Nur 38 der 140 Menschen werden überleben.

Anlass der Deportation ist Heinrich Himmlers Anordnung vom 16. Dezember 1942, der so genannte Auschwitzerlass:

"Auf Befehl des Reichsführers SS (…) sind Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen. (...) Die Einweisung erfolgt ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad familienweise in das Konzentrationslager Auschwitz."

(Originaler Text nicht erhalten, zitiert nach den Ausführungsbestimmungen des Reichskriminalpolizeiamts vom 29.1.1943)

Alptraumartige Szenen aus vier Konzentrationslagern

Tausenden Schülern hat Hugo Höllenreiner die alptraumartigen Szenen aus vier Konzentrationslagern geschildert: Wie SS-Leute vor seinen Augen Schäferhunde auf nackte Menschen hetzten. Wie sie Menschen ins Gas getrieben haben. Wie er Massenerschießungen mit ansehen und danach beim Zuschütten der Gräben mit den Leichen der Ermordeten helfen musste. Und wie der kleine Hugo beim KZ-Arzt Josef Mengele auf dem OP-Tisch lag ...
In den Klassenzimmern war es mucksmäuschenstill, wenn er davon erzählte. Und richtig begreifen konnten die Schüler das alles erst, wenn er ihnen am Ende seine eintätowierte Häftlingsnummer zeigte. Für Hugo Höllenreiner war das Erzählen Teil der Bewältigung.

"Wenn ich meine Geschichte erzähle, schau ich ins Publikum rein, meistens die Kinder, wenn ich anschaue, die Reihe für Reihe durch, jede zweite, dritte: Taschentuch! Die weinen. Mir tut das weh, aber irgendwie tut es wieder gut, weil sie geben es ja weiter, was sie da erlebt haben, was sie da gemerkt haben, wie das war mit dem Dritten Reich, und dann weiß ich, dass es weitergeht. Dass sie es den Eltern, Geschwistern und Freunden erzählen. Und das will ich. Dass es weiter rumkommt."

(Hugo Höllenreiner)

Nach dem Krieg ging die Diskriminierung weiter

36 Familienmitglieder der Höllenreiners sind im Holocaust umgekommen. Hugos Eltern und ihre sechs Kinder haben mit großem Glück und viel Mut überlebt. Seine  Schulausbildung nach dem Krieg und der Befreiung war allerdings nur von kurzer Dauer: Die Lehrer setzten den "Zigeunerbuben" kurzerhand vor die Tür. Die Diskriminierung ging weiter. Also musste Hugo Höllenreiner seine Berufslaufbahn mit Hausieren beginnen.

Am 10. Juni 2015 ist Hugo Höllenreiner gestorben. Die Traumata der Konzentrationslager haben ihn bis zum Ende verfolgt.


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