Bayern 2 - Land und Leute


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Henne oder Ei? (2) In dubio pro Hendl

Auf der Wiesn besaß das Brathuhn vor dem 2. Weltkrieg noch den Status des Besonderen. Aß man zur Maß anfangs vornehmlich Käse, Nüsse oder Rettich, so kamen später Würste und Fisch hinzu. Die ersten Hendl brachten die Bauern vom Land mit. Vor Ort ließ man sie von Lohnbratern zubereiten. Mittlerweile geht der Ereigniswert eines Wiesnhendls gegen Null. Hühnerfleisch ist Alltagsfleisch geworden, zumindest im industrialisierten Teil der Welt. In Deutschland ist die Geflügelfleisch-Produktion im Zeitraum von 1970 bis 2005 um etwas mehr als 200 Prozent angestiegen.

Von: Thomas Kernert

Stand: 06.04.2015 | Archiv

Symbolbild: Brathendl am Drehspieß | Bild: picture-alliance/dpa

Die alte Frage, wer zuerst da war, die Henne oder das Ei, geht am Wesentlichen vorbei. - Gut möglich, dass der britische Evolutionsgenetiker John Brookfield von der University of Nottingham tatsächlich Recht hatte, als er auf einem Symposion im Jahr 2006 dem Ei medienwirksam den Siegerkranz flocht, doch was sagt das über den wahren Stellenwert von Henne und Ei aus? Macht dieses Votum das Ei zum immerwährenden molekular­biologischen Olympiasieger und das Huhn zum ewigen Verlierer? Krönt es das Ei zu einer evolutionären Sensation und degradiert die Henne zu einer quantité négligeable?

Irgendwann vor 6000 Jahren wurde das erste Ei gelegt

Hahn | Bild: picture-alliance/dpa

Stolzer Hahn

Mitnichten! Auch wenn jedes Huhn aus einem Hühnerei schlüpfen muss, um ein Huhn zu sein, waren es doch irgendwann vor 6000 Jahren zwei Nicht-Hühner, eine Nicht-Henne und ein Nicht-Hahn, die gemeinsam das erste Hühnerei fabrizierten. Hätten sie ihr Produkt damals patentrechtlich schützen lassen, wären sie heute mit Sicherheit die ganz großen Gewinner.

Sowohl das Ei als auch das Huhn wurden absolute Renner

Kellner serviert Brathendl mit Pommes

Stattdessen jedoch überließen sie der Menschheit sowohl das Ei, als auch das Haushuhn für lau. Und beide entpuppten sich als absolute Erfolgsprodukte. Pro Tag werden weltweit Milliarden von Eiern verbraucht und Millionen von Hühner. Der Vorteil letzterer ist ihre extreme Flexibilität. Scheinbar mühelos verwandeln sie sich ganz nach Belieben in ein bayerisches Wiesnhendl, ein österreichisches Backhendl, ein ungarisches Paprikahuhn, ein indisches Tandoorihuhn, ein florentinisches pollo alla Diavola, ein spanisches olla podriga, ein schottisches cock-a-leekie, ein japanisches oyako domburi, ein pakistanisches murghi biryani, ein indonesisches sambal hati-hati. Allein das New Yorker "Coney-Island-Chicken" will partout kein kulinarisches Highlight werden, sondern ein ordinäres hot-dog-Würstchen bleiben. Vielleicht weil es Angst hat, andernfalls als Chicken-Nugget zu enden?

Hybridhühner legen statt 100 Eier pro Jahr 300 und mehr

Eier von Legebatterie-Hühnern

52 Milliarden Hühner bevölkern derzeit den Globus, siebeneinhalb mal mehr als es Menschen gibt. Sie sind leicht zu halten, billig im Unterhalt und sprechen alle gängigen Sprachen. - Um das Huhn darüber hinaus anzuspornen, möglichst viele Eier zu legen und dadurch seine exponierte Schlüsselposition in der Henne-Ei-Frage zu unterstreichen, lässt der Mensch nichts unversucht. In weltweit agierenden Zucht-Konzernen bastelt er unermüdlich durch die Kreuzung verschiedener Inzuchtlinien so genannte Hybridhühner zusammen, die statt 100 Eier pro Jahr 300 und mehr zu legen im Stande sind.


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