Bayern 2 - Land und Leute


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Georg Elser Der einsame Hitler-Attentäter

Am 8. November vor 78 Jahren, auf die Minute genau um 21.20 Uhr, detonierte im Münchner Bürgerbräukeller eine Bombe. Hätte der Mann, dem das Attentat galt, zu diesem Zeitpunkt den Saal nicht bereits verlassen gehabt, wäre die Weltgeschichte wohl anders verlaufen, wären dem Krieg und der Shoa nicht Millionen von Menschen zum Opfer gefallen.

Von: Ulrich Chaussy

Stand: 05.11.2017 | Archiv

Wie jedes Jahr seit der Machtübernahme sprach Adolf Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller zu den alten Kämpfern der NSDAP - zum Gedenken an seinen gescheiterten Putschversuch im Jahr 1923. Schon um 21.07 Uhr - so früh wie nie zuvor - beendete er seine Rede und eilte zum Bahnhof. Entscheidungen im soeben begonnenen Krieg gegen Polen und England erforderten seine unverzügliche Rückkehr nach Berlin. Und so war Hitler nicht mehr am Rednerpult unter der Saalempore, die die von Georg Elser gebaute Zeitzünderbombe zum Einsturz brachte und alle Personen tötete, die sich dort befanden. Elser wollte Hitler töten, weil er die Eskalation dieses Krieges zum Weltkrieg vorhersah - was er in seinen Verhören durch die Gestapo detailliert darlegte.

Elser wollte die Führungsfigur Hitler töten

Jürgen Zarusky

"Das ist etwas, was Elser vermutlich instinktiv begriffen hat: die Rolle der Führungsfigur Hitler, die Struktur des Nationalsozialismus als eine Führer-Diktatur. Er war kein politischer Theoretiker, das wissen wir. Aber er hat da sozusagen einen gesunden Menschenverstand gehabt und richtig begriffen, dass die Bedrohung von der Führungsspitze ausgeht. Derjenige, der die Sache vorangetrieben hat, und der den Krieg wollte, über das Münchner Abkommen enttäuscht war, weil es ihm den Krieg vermasselt hat, das war der Führer Adolf Hitler." (Jürgen Zarusky, Historiker)

Zunächst wurde der britische Geheimdienst verdächtigt

Blick in den durch die Bombe Georg Elsers zerstörten Bürgerbräukeller

Die Säule, vor der sein Rednerpult stand, wird durch die Explosion auseinandergerissen. Die Saaldecke und die tonnenschwere von der Säule getragene Empore stürzen auf den Platz herab, an dem eben noch Hitler stand. Acht Menschen werden durch die Explosion und die herabstürzenden Trümmer getötet, sieben sogenannte alte Kämpfer und eine Kellnerin, es gab 63 Verletzte, darunter 17 Schwerverletzte.

"Mir geht’s so weit gut, also ich hab‘ gesehen, dass die Wunden nicht so tief sind. Aber das Wichtigste war mir, wie ich aus dem Verhau raus, aus den Steinen raus gekommen bin, dass ich gewusst hab‘, der Führer ist in Sicherheit. Und da hab‘ ich gedacht, für unseren Führer nehm‘ ich noch eine Portion Schrammen mit, und da kannst dich drauf verlassen: Das kriegt der Engländer heimgezahlt!" (Verletzter Zeuge des Attentats)

Der verletzte alte Kämpfer bezieht sein vermeintliches Wissen und seine Wut aus der Lektüre der gleichgeschalteten Zeitungen. Sie bringen das Attentat auf Weisung des Propagandaministers Joseph Goebbels sofort mit angeblichen Hintermännern des britischen Geheimdienstes in Verbindung.

"Politisch konnte man natürlich einen Vorteil daraus ziehen, wenn man dem Kriegsgegner anlastete, den vom deutschen Volk geliebten Führer heimtückisch umbringen zu lassen. Was sozusagen gegen alle Regeln des Verkehrs zwischen den Völkern auch im Krieg verstieß, also ein Ausdruck einer Heimtücke war."

(Jürgen Zarusky, Historiker)

Georg Elsers Bild war lange von Verleumdungen verdunkelt

Was wäre geschehen, wäre Elsers Attentat gelungen? - Welchen Einfluss hätte Hitlers Tod auf das nationalsozialistische Regime, die Entwicklung des Krieges und die Verfolgung der Juden genommen? - Welches Bild Elsers wäre heute überliefert? Das Bild des gescheiterten Attentäters Elser war lange von Verleumdungen verdunkelt: Die Nazis stellten ihn als Marionette des britischen Geheimdienstes dar. Der Widerstandskämpfer Pastor Martin Niemöller nannte ihn nach 1945 ein "Werkzeug der SS". Noch 1999 bezeichnete der Politikwissenschaftler Lothar Fritze Elsers Attentat als "moralisch nicht zu rechtfertigen".

"Georg Elser hatte keine Lobby"

Hella Schlumberger

Das sagt die Schriftstellerin Hella Schlumberger - die Frau, die bei den Recherchen zu ihrem Buch über die Türkenstraße auf Elsers Spuren in Münchens Maxvorstadt stieß und hier mit der Gründung der Georg-Elser-Initiative erfolgreich zu seiner Lobby geworden ist: Auf der Höhe seiner Wohnung konnte sie 1997 die Schaffung des Georg-Elser-Platzes durchsetzen - und anregen, dass die Stadt einen Kunstwettbewerb ausschrieb für ein Elser-Denkmal an der dort gelegenen Schule. Realisiert wurde eine Lichtinstallation an der Fassade der Schule: Jeden Abend um 21.20 Uhr leuchtet dort in schwer lesbaren Lettern und Zahlen das Datum "8. November 1939" auf, für genau eine Minute. - 21.20 Uhr, das war der Zeitpunkt an dem Elsers Bombe explodierte - Die Erläuterung dazu befindet sich auf einer kleinen, schwarzen Metalltafel. Womit das Denkmal fast mehr an die Unwilligkeit erinnert, sich an Georg Elser zu erinnern, als an Georg Elser selbst, eine Unwilligkeit für die es, wie Hella Schlumberger immer wieder erfahren hat, einen Grund gibt.

"Weil, als besonderer Vorwurf an das ganze Volk - einfach Georg Elser selber ist. Dass man schon 1938 - da hat er ja angefangen mit den Vorbereitungen - was hätte wissen können, dass man gesehen hat, dass alles an der Person Hitlers und seiner Entourage hängt - und dass damit ein Krieg verhindert werden kann. Das ist der große Vorwurf. Er war eben wirklich allein. Und was noch bewundernswert ist: Er hat bei allen seinen Verhören niemand reingerissen."

(Hella Schlumberger)

Filmtipps:

Georg Elser - Einer aus Deutschland

  • Darsteller: Klaus Maria Brandauer, Brian Dennehy, Marthe Keller, Vadim Glowna, Rebecca Miller Regisseur: Klaus Maria Brandauer
  • Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
  • Anzahl Disks: 1
  • Studio: Hoanzl Vertrieb GmbH
  • Erscheinungstermin: 17. November 2006
  • Produktionsjahr: 1989
  • Spieldauer: 93 Minuten
  • ASIN: B000K15FXG


Elser - Er hätte die Welt verändert

  • Darsteller: Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaussner, Johann von Bülow, David Zimmerschmied
  • Regisseur: Oliver Hirschbiegel
  • Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1)
  • Anzahl Disks: 1
  • Studio: EuroVideo Medien GmbH
  • Erscheinungstermin: 22. Oktober 2015
  • Produktionsjahr: 2014
  • Spieldauer: 114 Minuten
  • ASIN: B00WTUCQI8

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