Bayern 2 - Land und Leute


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Babylon in Schwabylon 70 Jahre Fremdspracheninstitut München

Weltoffenheit, Völkerverständigung - dafür steht das Fremdspracheninstitut München im Oktober 2015 - und dafür steht es seit seiner Gründung im Oktober 1945 als städtische Sprachenschule. - Thies Marsen schildert die bewegte Geschichte dieser Münchner Institution.

Von: Thies Marsen

Stand: 25.10.2015 | Archiv

Schild des Fremdspracheninstituts München | Bild: Manfred Bail/imageBROKER/Süddeutsche Zeitung Photo

Weltoffenheit, Völkerverständigung - dafür steht das Fremdspracheninstitut München im Oktober 2015 - und dafür steht es seit seiner Gründung im Oktober 1945 als städtische Sprachenschule. Sie ist ein Kind der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Nazis sind gerade erst niedergerungen, Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt. In München hat die US-amerikanische Militärregierung das Sagen - weshalb dringend Übersetzer gebraucht werden, um zwischen Siegern und Besiegten zu vermitteln. Wie wichtig es insbesondere für die Besiegten ist, zu verstehen und sich verständlich zu machen, schildert der Gründungsdirektor der Sprachenschule, Luitpold Haberl, 1945:

"Vielleicht ist in den ersten Tagen der Besatzung das Märchenhafte des Geschehens dem einen oder anderen zu Bewusstsein gekommen. Eine Gruppe Soldaten, laut, drohend, unverständlich in ihren Forderungen und eine Gruppe verängstigter Hauseinwohner, hilflos, grundlos aufs Schlimmste gefasst wie vor Tigern im Stahlhelm; und dann der Sohn des Hauses, der von der Schule ein wenig Selbstvertrauen und noch weniger Englisch mitgebracht hat: und die Mienen erhellen sich, die Gebärden werden Sprache. Hier stehen Menschen und dort stehen Menschen."

(Luitpold Haberl)

Im Nachkriegsdeutschland wurden dringend Dolmetscher benötigt

Außenfassade des Fremdspracheninstituts München

Eine Radiodurchsage sorgte vor 70 Jahren, im Herbst 1945, in München für einen Massenauflauf: Der Rundfunk gab die Gründung einer Sprachenschule bekannt und Hunderte Frauen und Männer stürmten zur Anmeldung, um in der neuen Schule Englisch, Französisch oder Russisch zu lernen oder gleich eine Ausbildung zum Übersetzer oder Dolmetscher zu machen. Solche wurden im Nachkriegs-Bayern dringend benötigt, um mit der US-Militärregierung zu kommunizieren. Und viele Menschen suchten angesichts von Hunger und Not ein gesichertes Auskommen. Am 26. Oktober 1945 wurde die Sprachenschule in der Lothstraße schließlich feierlich eröffnet - eine bis heute einmalige öffentlich-rechtliche Bildungseinrichtung, die inzwischen Fremdspracheninstitut München heißt und an der jedes Jahr Hunderte junger Menschen zu Fremdsprachenkorrespondenten, Übersetzern und Dolmetschern ausgebildet werden.

Vermittlung kultureller Offenheit nach der NS-Zeit

Stets geht es auch um die Vermittlung von Toleranz, Offenheit und den Dialog der Kulturen - gelebter Multikulturalismus sozusagen. Schon die Gründer der Sprachenschule wollten kulturelle Offenheit vermitteln, die in den zwölf Jahren Nazi-Diktatur fast gänzlich verschüttet  war. In den sogenannten Dolmetscherkompanien der Wehrmacht hatten sich noch während der NS-Zeit Widerstandsgruppen gebildet, die unter anderem an der "Freiheitsaktion Bayern" (FAB) beteiligt waren, die in den letzten Kriegstagen in Südbayern einen Aufstand gegen die Nationalsozialisten wagte. Zur FAB gehörten sowohl der erste Münchner Stadtschulrat nach Kriegsende, Anton Fingerle, als auch der Gründungsdirektor der Münchner Sprachenschule Luitpold Haberl.

"Hört, Hört! Hier spricht die Freiheitsaktion Bayern!"

Der Krieg ist längst verloren, die US-amerikanischen Truppen stehen schon vor den Toren Münchens, als die Freiheitsaktion Bayern am 28. April 1945 den Aufstand wagt. Hunderte Soldaten rücken aus und besetzen unter anderem die Anlage des Reichssenders München in Ismaning. Sie strahlen Proklamationen aus - auch an die alliierten Truppen, die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen. Einer dieser Funksprüche ist im Archiv des Bayerischen Rundfunks erhalten geblieben:

"Hallo, Hallo! Achtung, Achtung! Hört, Hört! Hier spricht die Freiheitsaktion Bayern. Wir rufen die französischen Arbeiter und alle Franzosen in Bayern auf! - (Französischer Originalton: 'Attention, attention, écoutez, écoutez, ici parle la action de libération en bavière. Nous appelons à tous les ouviriers français qui ...) - Landsmänner! Die Stunde der Freiheit hat endlich geschlagen! (…) Der Naziklüngel wurde vernichtet. (…) Franzosen, die ganze bayerische Bevölkerung wartet, dass Ihr sie unterstützt im heldenhaften Kampf gegen den Nazi-Terror, unter dem sie in diesen zwölf Jahren zu sehr gelitten hat."

Der Aufstand wird jedoch niedergeschlagen. Inwieweit Anton Fingerle und Luitpold Haberl, die Väter des Münchner Fremdspracheninstituts, in die Freiheitsaktion Bayern eingebunden waren, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Fingerle immerhin setzt sich später als Stadtschulrat dafür ein, dass an den Aufstand gebührend erinnert wird, indem der ehemalige Feilitzschplatz in Schwabing umbenannt wird in "Münchner Freiheit".

Geschichte einer Münchner Institution

Die Sendung schildert die bewegte Geschichte der Münchner Sprachenschule und zeigt, wie das heutige Fremdspracheninstitut in Schwabing seinen Auftrag erfüllt.

Fremdspracheninstitut der Landeshauptstadt München

Eine Zeitreise durch die Geschichte des FIM Format: PDF Größe: 2,76 MB


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