Bayern 2 - Land und Leute


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Franz Marc auf der Alm Impressionen von der Staffelalm am Rabenkopf

"Hie und da ein schönes Bild" - Andreas Pehl hat den 100. Todestag von Franz Marc zum Anlass genommen, dem Maler auf die Staffelalm unterm Rabenkopf bei Kochel zu folgen, und vielleicht das eine oder andere Geheimnis zu entdecken.

Von: Andreas Pehl

Stand: 06.03.2016 | Archiv

Einen echten Marc in der Küche, das hat nicht jeder. Britta ist so jemand, wenigstens für drei Monate im Jahr. Sie arbeitet als Sennerin auf der Staffelalm unterm Rabenkopf bei Kochel. Wenn der Tagesbetrieb vorbei ist und die Wanderer wieder ins Tal verschwunden sind, ist Britta meist alleine.

Erholung von der Dreiecksbeziehung mit Marie und Maria

Franz Marc und seine Frau Maria in oberbayerischer Tracht, aufgenommen noch vor 1914

Um 1905 war das anders. Da hat Franz Marc die Semesterferien hier oben verbracht. Wenn die blaue Stunde das Karwendel in Pastellfarben taucht, bleibt viel Zeit, das Panorama zu genießen. Oder hatte Marc nur Augen für die schöne Sennerin? Almbauer Sepp Orterer aus der Jachenau schüttelt den Kopf: Franz Marc war mit dem Senner befreundet, der ihn 1903 einlud, "hie und da ein schönes Bild zu machen, wenn das Vieh schön bei der Alm-Hütte steht". Die Staffelalm wurde für Marc zum Sehnsuchtsort über seinem "Blauen Land". Sicher hat ihn die Romantik des Ortes fasziniert, meint Cathrin Klingsöhr-Leroy vom Franz Marc Museum in Kochel. Doch es sei durchaus möglich, dass sich der 24-Jährige in dieser Abgeschiedenheit von der Dreiecksbeziehung mit Marie und Maria im Tal erholen wollte.

"Es gibt meines Erachtens keinen Platz im Leben von Franz Marc, der wichtiger für ihn war als die Staffelalm. In der Staffelalm war für ihn Heimat im klassischen Sinne. Es war die Möglichkeit, zu sich selbst zu finden in einer Umgebung, die er für sich vereinnahmt hatte."

(Brigitte Roßbeck, Historikerin und Franz Marc-Biografin)

Die "Grünen Hirsche"

"Grüne Hirsche" - Wandbild von Franz Marc

Zäune hat Franz Marc hier oben gezeichnet, Kühe und Schafe skizziert, die Hütte, das Panorama und den Hütejungen in Öl gemalt, und eben in der Stube die Wände ausgeschmückt. Über dem Fenster prangt ein Stierkopf und über der Kellerstiege laufen Hirschkuh und Hirsch. Erst 1996 wurde dieses in Vergessenheit geratene Bild unter vielen Putzschichten wieder freigelegt. Dass die Hirschkuh allerdings dem Hirschen hinterherläuft und nicht wie in der Natur umgekehrt, dazu hat Sennerin Britta eine Vermutung: Vielleicht hat Marc das als Selbstportrait gesehen: er als Hirsch, dem die Damen hinterherlaufen. Fantasien eines Kunststudenten?

"Auf dem einen Bild, was ja auch sehr früh zu datieren ist, sind ein Hirsch und eine Hirschkuh dargestellt. Es ist ja eine monochrome Zeichung in so einem Grünton auf der hellen Wand."

(Cathrin Klingsöhr-Leroy, Direktorin des Franz Marc-Museums in Kochel)

"Die ('Grünen Hirsche') hat das damalige Almpersonal – man musste ja auch immer weißeln in der Hütte wega dem Rauch und wegam Ruaß, und des war denen anscheinend zu blöd, dadrum rumzuweißeln, deswegn hamses überweißelt."

(Britta Purzer, Sennerin auf der Staffelalm)

Bernhard Symank, Restaurator

"Ich hab ein bisschen Sondageöffnungen gemacht, wurde dann mit grüner Farbe fündig, hab dann zunächst den Kopf der Hirschkuh gefunden. Letztlich befand sich diese Malerei in einem Anstrichspaket von Kalkfarbe von etwa 20 Schichten etwa in der Mitte."

(Bernhard Symank, Restaurator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege)

Der Tod kam viel zu früh

Vor 100 Jahren, am 4. März 1916, fiel Franz Marc - mit nur 36 Jahren - als Soldat des Ersten Weltkriegs bei Verdun. - Der Autor Andreas Pehl hat dieses Datum zum Anlass genommen, dem Maler an dessen Sehnsuchtsort, der Staffelalm, zu folgen um dort vielleicht das eine oder andere Geheimnis zu entdecken.

Telegramm mit der Todesnachricht von Franz Marc

"11. September 1914

Liebe Mutter, gestern schloß ich meine Karte mit der Nachricht vom plötzlichen Alarm. Sämtliche Truppen sind aus dem verdammten Vogesenwinkel verschwunden. Ich wurde zu Meldungen an die Division abgesandt und ritt dann bis 1 Uhr Nacht im Land umher, ohne meine Truppe wiederzufinden. Es war wunderschön! Klare Mondnacht! So schlief ich in Colroy in einem Stall auf Heu und versorgte mein müdes Pferd. Beim Aufwachen glaubte ich auf der Staffelalm zu sein, da ich vom Geräusch von Kuhmelken und Kuhbrüllen aufwachte, bis ich entdeckte, daß ich im europäischen Krieg in Frankreich sei! Mit Gruß und Kuß Euer Franz"

(Aus 'Franz Marc: Briefe, Schriften, Aufzeichnungen'. Leipzig: Gustav Kiepenheuer, 1989, S. 101-102)

Karte: Die Staffelalm

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Karte: Die Staffelalm

Buchtipps:

Franz Marc: Die Träume und das Leben - Biographie
Autorin:
Brigitte Roßbeck
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Siedler Verlag (23. Februar 2015)
ISBN-10: 388680982X
ISBN-13: 978-3886809820

Basierend auf umfangreicher Forschung sowie einer Fülle von bislang nicht ausgewerteten Quellen erzählt Brigitte Roßbeck von den Träumen und dem Leben eines der bedeutendsten Maler des Expressionismus.


"Das Herz droht mir manchmal zu zerspringen": Mein Leben mit Franz Marc
Autorin:
Maria Marc
Herausgeberin: Brigitte Roßbeck
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Siedler Verlag; Auflage: 2 (18. Januar 2016)
ISBN-10: 3827500354
ISBN-13: 978-3827500359

Die handschriftlich verfassten Erinnerungen von Maria Marc rücken den Künstler Franz Marc und seine Persönlichkeit ins Rampenlicht. Sie verschweigen weder seinen Hang zur Melancholie noch seine Selbstzweifel, die ihn dazu trieben, zahlreiche seiner frühen Werke eigenhändig zu zerstören. Eindringlich, aber auch amüsant berichtet die Gefährtin von Liebes- und Heiratsdingen, von der eigenen damit verbundenen Verzweiflung, von Aufbruchstimmungen und maßgeblichen Freundschaften auf dem Weg in die Epoche des Blauen Reiters, von ihrem Leben im Krieg und von ihrer Witwenschaft.


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