Bayern 2 - Land und Leute


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Germaine Krull "Die Fotografie ist ein schöner Beruf"

Als Pionierin des "Neuen Sehens" zählt die Fotografin Germaine Krull zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die ihrem Lebenswerk gewidmet ist. Ihr Handwerk hat sie in München gelernt, ehe sie dann um die ganze Welt zog. "Die Fotografie ist ein schöner Beruf" - unter diesem Titel schildert Ulrike Rückert das schillernde Leben der Germaine Krull.

Von: Ulrike Rückert

Stand: 22.11.2015 | Archiv

Ein Selbstporträt von Germaine Krull (1897-1985) von etwa 1928 | Bild: picture-alliance/dpa

"Die Kamera hat nicht zu erfinden, zu kombinieren, zu fälschen. Es geht weder um Malerei noch um Imagination. Der Fotograf ist ein Zeuge. Der Zeuge seiner Epoche."

(Germaine Krull)

"Werkstatt für mod. Künstlerische Photographie" in München

Der erste bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner

Am Ende des Ersten Weltkriegs eröffnete Germaine Krull ihre "Werkstatt für mod. Künstlerische Photographie" in der Münchener Hohenzollernstraße und träumte davon, "die Königin von Schwabing" zu werden. Der Traum zerstob in den Wirren der Revolution, bei der sie begeistert mitmarschierte. Sie war mit Kurt Eisner bekannt und mit Ernst Toller befreundet. Für den Versuch, Revolutionäre vor dem Weißen Terror in Sicherheit zu bringen, wurde sie ins Gefängnis gesteckt und 1920 aus Bayern ausgewiesen.

Pionierin des "Neuen Sehens"

Fotografien und Schriftstücke von Germaine Krull

In den nächsten 60 Jahren führte ihr Leben sie um die ganze Welt. Germaine Krull reiste in die Sowjetunion und kehrte nach einem Jahr bitter ernüchtert zurück. Sie schlug sich im Berlin der Inflationszeit durch und fand in Holland einen neuen künstlerischen Stil. In Paris eroberte sie damit als Pionierin des "Neuen Sehens" ihren Platz unter den großen Namen der Avantgarde. Sie machte aufsehenerregende Reportagen und Bildbände, porträtierte ihre Künstlerfreunde, fotografierte aber auch Mode für Sonia Delaunay und Werbung für Citroen.

Managerin des legendären Hotels "The Oriental" in Bangkok

Das Hotel "The Oriental" in Bangkok

Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie, nach einem Umweg über Brasilien, in Afrika für General de Gaulles Widerstand. Als Kriegsreporterin begleitete sie den Kampf um das Elsass und ging dann nach Indochina. Dort wurde die Fotografie zum schönen Hobby, Germaine Krull begann eine ganz neue Karriere als Managerin des legendären Hotels "The Oriental" in Bangkok. In Indien fand sie schließlich einen Ort der Ruhe, ein Kloster tibetischer Mönche, wo sie sechzehn Jahre lebte und ihre Kontakte nutzte, um die Flüchtlinge zu unterstützen. Erst im hohen Alter kam sie wieder nach Deutschland zurück.

"Germaine Krull machte das 'Oriental' wieder zur feinsten Adresse in Bangkok. Doch 1965 verkaufte sie ihren Anteil und wollte sich zur Ruhe setzen. Mit fast siebzig Jahren zog es sie schließlich nach Europa zurück. Sie ließ sich in Paris nieder und bereitete eine Retrospektive ihres fotografischen Werkes vor. Doch statt ihre eigene Nachlassverwalterin zu werden, reiste sie dann nach Indien. Schon früher war sie tibetischen Mönchen begegnet, die dem Dalai Lama ins Exil gefolgt waren.

Mit einem Fotobuch über das Leben der Flüchtlinge warb sie nun darum, ihnen beim Aufbau einer neuen Existenz zu helfen. Die Begegnung mit dem Dalai Lama und der enge Kontakt mit den Menschen dort beeindruckten sie so tief, dass sie fünfzehn Jahre blieb. In einem einfachen Haus bei einem Kloster lebend, kümmerte sie sich um die Kindermönche. Erst als sie schwer erkrankte, kehrte sie endgültig nach Europa zurück. 1985 starb sie in Wetzlar."

(Ulrike Rückert)

Ausstellung in Berlin - Martin-Gropius-Bau

Germaine Krull, Selbstporträt (1928)

"Germaine Krull - Fotografien"
Bis 31. Januar 2016

Germaine Krull (1897-1985) zählt zu den bedeutenden Fotografinnen im Paris der 1920er und -30er Jahre. Sie hat mit ihren experimentellen Aufnahmen und ihren Fotoreportagen für Magazine wie VU, Variété und Jazz die Geschichte der Fotografie geprägt. Sie zählt zu den Protagonisten der modernen Fotografie. Dennoch ist ihr Werk kaum erforscht und in nur wenigen Ausstellungen bisher präsentiert. Erstmals in Deutschland stellt der Martin-Gropius-Bau in Zusammenarbeit mit dem Jeu de Paume Paris die Schwerpunkte ihrer Arbeit und ihre ästhetischen Neuerungen ins Zentrum einer Retrospektive. Mit rund 130 Originalabzügen sowie Auszügen aus Fotoillustrierten zeigt die Schau die außergewöhnliche Fülle und Innovationskraft ihres Werks.

Buchtipps:

Germaine Krull
(Ausstellungskatalog)

Autor: Michel Frizot
Broschiert: 264 Seiten
Verlag: Hatje Cantz Verlag; Auflage: 1 (26. Juni 2015)
ISBN-10: 3775739998
ISBN-13: 978-3775739993

Technische Bauwerke, Hafen- und Industrieanlagen, das Paris der 1920er-Jahre: Germaine Krull (1897 - 1985) zählt zu den Entdeckerinnen der Moderne. Ihre fotografischen Stadtansichten Europas, aber auch ihr Engagement als Kriegsberichterstatterin in Indochina und ihre Bildreportagen lassen sich in ihrer Bedeutung kaum überschätzen. Jean Cocteau und Walter Benjamin zählten zu den ersten Bewunderern ihrer Fotografien, ihrem realistisch unverstellten Blick auf die zeitgenössische Gegenwart. Die Bekanntheit und prägende Macht ihrer Werke misst sich an anderen Künstlergrößen wie Man Ray, László Moholy-Nagy oder André Kertész. Lange Zeit waren Krulls Werke in einzelnen Archiven verstreut und dem Publikum kaum zugänglich. Der Katalog schließt diese Lücke und präsentiert die Bilder einer außergewöhnlichen Fotografin. Mit über 150 Vintage-Drucken wird ihr Blick auf die Welt wieder sicht- und bestaunbar.


Avantgarde als Abenteuer
Autor: Kim Sichel
Gebundene Ausgabe: 367 Seiten
Verlag: Schirmer/Mosel; Auflage: First edition (1999)
ISBN-10: 3888149347
ISBN-13: 978-3888149344


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