Bayern 2 - Land und Leute


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Weihnachtsharmonie? Festtagsfreuden und Festtagsfrust

Klingt das Glöckchen - klingelingeling!, - wird's dem einen wohl und warm ums Herz, der anderen aber angst und bang. Nicht ganz zu Unrecht, denn man weiß halt nie so genau, wie es heuer werden wird. Thomas Grasberger hat sich schon einmal umgehört, was alles so möglich ist - zum Fest der Liebe.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 26.12.2016 | Archiv

Zu welcher Gruppe - Frust oder Freude? - man am Ende gehört, wenn mit Weihnachten wieder jener emotionale Ausnahmezustand eingeläutet ist, der uns alljährlich unerbittlich, unentrinnbar und mit voller Wucht trifft. Wie also wird es diesmal sein? Heiter oder verheult? Besinnlich oder besoffen? Weihnachtsfriedlich oder bürgerkriegsähnlich? Allein? Oder im Würgegriff der trauten Sippe?

Alles scheint möglich - und vieles ist schon passiert

Oskar Maria Graf ließ in seiner Erzählung "Die Weihnachtsgans" den bratfertigen Vogel aus dem Fenster fliegen

Wird es werden wie einst bei der Familie Thomas Mann, wo die Dinge im Weihnachtskerzenlicht aufhörten "Ware" zu sein, um zur himmlischen Gabe der Liebe zu mutieren? Oder doch eher wie in der Erzählung von Oskar Maria Graf, wo schon mal eine wunderbar gerupfte, bratenfertige Weihnachtsgans mir nichts, dir nichts aus dem Fenster fliegt, um dann aufgeplatzt und leicht ramponiert auf dem Straßenpflaster zu liegen zu kommen?

Wer aber wirft in solchen Zeiten eine fette Gans weg? Die aufgebrachte Nachbarschaft samt Schutzmann machte sich sofort auf die Suche nach dem Übeltäter. Ein völlig verschlampter, zaundürrer Mensch war's, der in einem saukalten Speicher ohne Licht und Heizung hauste. Weitschichtige Verwandte, sagte der arme Teufel, hatten ihm die Gans auf Weihnachten geschickt. Aber wie zubereiten? Ohne Ofen und wenn man mit allen Nachbarn zerstritten ist!

Deshalb hatte er sie vor Wut aus dem Fenster geworfen, die Gans. Aber verkaufen hätte er sie doch können, schimpfte ihn der Polizist. Und schon begann das Feilschen um den fetten Braten. Den Stich machte am Ende - für nur zehn Mark - der Metzgermeister Heinagl. Ein wahres Schnäppchen! Heinagl rieb sich Bauch und Hände, gedachte scheinheilig der großen Not im Lande und griff sodann "... mit beiden Händen den fetten Gansschenkel, rechts und links aus seinen Mundwinkeln rann der köstliche Saft".

Die pure Erschöpfung nach der großen Materialschlacht

Geschenke-Umtausch-Marathon nach Weihnachten

Fest steht: Es muss nicht immer die Rührung reich Beschenkter sein, die für Tränen im Auge verantwortlich zeichnet. Manchmal ist es auch der Rauch des brennenden Christbaums. Oder der umgestürzte Watschenbaum, der den einen oder die andere trifft. Vielleicht ist es aber auch nur die pure Erschöpfung nach der großen Materialschlacht, die uns weinen lässt – in Erwartung der bevorstehenden Umtauschaktionen.


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