Bayern 2 - Land und Leute


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Mailand-München per Rad Das erste transalpine Rennen im Jahr 1894

"Ein bedeutsames sportliches Ereignis spielte sich in den Tagen vom 11. bis 13. Juni 1894 ab: die internationale Distanz-Radfahrt Mailand=München. (...) In flotter Fahrt durch drei der schönsten Länder unseres Erdtheils sollte der Brenner, dieser historische Alpenpaß, mit dem Rad überstiegen werden, kein Wunder also, daß nicht nur der Sportsman, sondern ebensowol das Laienpublikum der Sache das größte Interesse entgegenbrachte." (Illustrirte Zeitung. Nr. 2660. 23. Juni 1894)

Von: Ulrich Zwack

Stand: 01.05.2017 | Archiv

Radrennen Mailand-München 1894. Ankunft des Siegers in München bei strömendem Regen, am 12. Juni um 1 Uhr 12 Min. nachmittags. | Bild: Bildarchiv: cycling4fans

Heute sind Radler im Gebirge ein ziemlich alltägliches Phänomen. Bei Großveranstaltungen wie dem Giro d’Italia oder der Tour de France sausen sie regelmäßig behände wie Bergziegen irgendwelche Pässe rauf und runter. Spannend daran ist höchstens noch die Frage, wie viele von ihnen gedopt haben und wie viele nicht. Neben Sportradlern brettern aber auch zahllose Hobby-Mountainbiker mit einem Affenzahn in den Hoch- und Mittelgebirgen über Stock und Stein - und lehren dabei harmlose Bergwanderer das Fürchten. Kurzum: Der Drahtesel ist längst auch im Bergland heimisch geworden. Was also kann am Radrennen Mailand-München von 1894 so besonders gewesen sein?

Die Alpenüberquerung per Veloziped war damals kein Pappenstiel

Der Brennerpass im Jahr 1867

Bei näherem Hinsehen eigentlich alles. Das begann bereits bei der Streckenlänge. Sie betrug immerhin 587 Km und musste nach dem Reglement nonstop, also ohne längere Ruhepausen bewältigt werden. Schon allein von daher war die Alpenüberquerung per Veloziped alles andere als ein Pappenstiel. Zudem mussten allein zwischen Mailand und dem Brenner 1200 Höhenmeter überwunden werden. Und das auf Fahrrädern, die damals zwar dem allerneuesten Stand der Technik entsprachen, heute aber jedem Kinderradl unterlegen wären.

Trotz bescheidener Ausrüstung waren es "ganz verteufelte Burschen"

Max Reheis fuhr als Zweiter durchs Ziel

Die Pioniere des alpinen Radsports sahen im Gegensatz zu heute vergleichsweise harmlos aus: ein einfaches, kurz- oder langärmliges Leiberl, eine kurze oder dreiviertel-lange Stoffhose und ein eng anliegendes Käppi; dazu dunkle Strümpfe und lederne Halbschuhe. In dieser Kluft setzten sie sich auf Gefährte, die nicht einmal eine Gangschaltung besaßen. Trotzdem waren sie ganz verteufelte Burschen.

Der Sieger war Joseph Fischer vom Münchener "Velocipedclub Germania"

Joseph Fischer, der Sieger des Rennens Mailand-München 1894

Am ersten transalpinen Radrennen beteiligten sich damals 49 italienische, deutsche, österreichische und Schweizer Radler. Das Wetter war miserabel, die Straßenverhältnisse ebenfalls. Die bayerischen Teilnehmer schreckte das aber offensichtlich nicht. Am Ende  des Distanzrennens belegten sie die ersten beiden Plätze, während Costanzo Trifoni aus Giulianova als erster der vielgerühmten italienischen Konkurrenz als sechster durchs Ziel fuhr. Und das mit einem Rückstand von immerhin gut 6 ½ Stunden auf den Sieger Joseph Fischer vom Münchener Velocipedclub Germania. Der hatte die 587 km lange Strecke in sagenhaften 29 ½ Stunden bewältigt. Welch gewaltige Leistung das war, lässt sich u. a. daran erkennen, dass ein Güterzug zwischen den beiden Metropolen damals fast 10 Stunden länger unterwegs war.

Ulrich Zwack berichtet aus einer Zeit, als bayerische Waden nicht nur fußballerisch den italienischen gewachsen waren.


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