Bayern 2 - Land und Leute


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Lernziel Führerschein Fahren lernen von anno dazumal bis heute

Ulrich Zwack schildert das Fahrschulwesen von der "Lehranstalt für Kraftfahrzeugs-Lenker" in Aschaffenburg 1904 bis zur Fahrschule von heute. Er befragt Fahrlehrer und -Schüler sowie routinierte Wagenlenker zum Thema Fahrschule und Führerscheinerwerb.

Von: Ulrich Zwack

Stand: 13.03.2016 | Archiv

Fahrschüler und Fahrlehrer der "Ersten deutschen Autolenkerschule" vor dem Schloss Johannisburg in Aschaffenburg (ca. 1904) | Bild: picture-alliance/dpa

Von A wie Abensberg bis hin zu Z wie Zwiesel gibt es in jeder größeren bayerischen Ortschaft mindestens eine Fahrschule. Ihr Besuch ist teuer. In Freising etwa muss jeder Fahranfänger bis zur Führerscheinprüfung durchschnittlich gut 2 200 Euro hinblättern. Das ist absoluter Deutschlandrekord. Eine Erfolgsgarantie gibt es trotzdem nicht. Über ein Viertel der Bayern rasseln beim ersten Mal durch die Fahrprüfung – auf den ersten Blick erschreckend viele, im deutschlandweiten Vergleich aber  relativ wenige. In Hamburg z.B. fallen 40 Prozent aller Fahrschüler beim ersten Mal durch die Prüfung. Das legt den Schluss nahe, dass es ums deutsche Fahrschulwesen nicht gut bestellt ist. Der Auto Club Europa (ACE) mutmaßt gar, dass eine schlechte Ausbildung bei vielen Fahrschulen aus Gründen der Gewinnmaximierung durchaus Methode hat.

Hans Hümmer, Fahrlehrer-Urgestein aus Stegaurach

"Auf dem Land da ist das Auto schon noch das Statussymbol. Man braucht´s als Jugendlicher, man muss mobil sein, weil sie doch teilweise nicht die Verbindung von öffentlichen Verkehrsmitteln ham wie man sich das wünscht. Es ist halt so: die öffentlichen Verkehrsmittel fahren früh zur Arbeit, abends zur Arbeit. Aber wenn die nachts irgendwo hinwollen, müssen sie schauen, wie sie hinkommen. (...)

Wir haben jetzt überwiegend in der Fahrschule den begleiteten Führerschein, also ab 17. Mit 18 oder älter ist ganz wenig. Jetzt meistens begleitetes Fahren, was ich auch gut finde, denn wenn der 17 ist, hat seinen Führerschein, und wird dann dementsprechend noch begleitet von Eltern oder von irgendeinem anderen Begleiter, dann kann er Fahrerfahrungen sammeln, die ihm wirklich zugutekommen."

(Hans Hümmer, Fahrlehrer)

Fahren lernen nur mit makellosem amtlichen Sittenzeugnis

Der erste Mercedes von 1900 schaffte bereits Tempo 90!

An mangelnder Erfahrung der Fahrlehrer kann die hohe Durchfallquote jedenfalls kaum liegen. Denn die erste deutsche Fahrschule eröffnete bereits im Jahr 1904 am Kempf'schen Privat-Technikum Aschaffenburg. Dabei handelte es sich um eine private technische Hochschule, deren Gründer Rudolf Kempf bestrebt war, dem bis dahin üblichen "unbesonnenen Lenken der Automobile" abzuhelfen. Deshalb vermittelte er interessierten Männern ab dem vollendetem siebzehnten Lebensjahr mit einem makellosen amtlichen Sittenzeugnis alles, was er für nötig hielt, um ein Kraftfahrzeug sicher steuern zu können: Praktische Fahrübungen ebenso wie Kartenlesen und Erste Hilfe, Elektro- und Motortechniklehre oder Werkstattbastelei. Zum Führerschein führten Kempfs  zehnwöchigen Kurse allerdings noch nicht. Denn der wurde erst 1909 zur Pflicht.

Bis zur Gründung der 1. deutschen Autolenkerschule erhielten die Fahrer beim Kauf des Automobils lediglich eine technische Einweisung. Kein Wunder, dass die ersten Fahrschüler Unfälle bauten:

"So rammte zum Beispiel im November 1905 ein Automobil der Autolenkerschule bei Nebelregen das Brückengeländer der Aschaffenburger Mainbrücke. Vier Eisenbaluster des Geländes flogen dabei in den Fluss. Am Auto war eine Laterne und ein Vorderrad defekt. Diese Automobillenkerschule sollte einen Stamm guter Chauffeure heranbilden, die das beste Mittel zur Verhütung von Unglücksfällen und zur Austreibung von Bedenken gegen das Automobil sind."

(Carsten Pollnick, Aschaffenburger Stadthistoriker)

Die Chauffeure sollten auch etwas vom Karosseriebau verstehen

Ausbildung in der Chauffeurschule Aschaffenburg

Die damals noch junge Automobilindustrie unterstützte den Pionier Rudolf Kempf mit seiner Autolenkerschule, denn die Unternehmen befürchteten, schlechte Fahrer würden den Autobesitzern die Lust an ihrem Fahrzeug nehmen. Bald erweiterte Kempf das Angebot um 14tägige, sogenannte "Herrenkurse" für Offiziere Ärzte, Fabrikanten und weitere Angehörige der besseren Kreise. 1906 wurde das Schulungssortiment um die Sparte Karosseriebau erweitert und die "erste deutsche Autolenkerschule" in "erste deutsche Automobil-Fachschule" umbenannt.


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