Bayern 2 - Land und Leute


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Schloss Elmau Wellness-Oase mit wechselvoller Geschichte

Als Austragungsort des G 7-Gipfels 2015 ist das idyllisch gelegene Hotel Schloss Elmau seit geraumer Zeit in aller Munde. Anlass genug, einmal den historischen Hintergrund dieses besonderen Ortes zu beleuchten - von seinen Ursprüngen bis in die Gegenwart.

Von: Friedemann Beyer

Stand: 31.05.2015 | Archiv

Schloss Elmau | Bild: mauritius-images

Wenn Deutschland demnächst zum G 7-Gipfel lädt, wird dessen Tagungsort Schloss Elmau kurzzeitig im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit stehen.

Elite-Wellness mit einem Hauch von Esoterik

Die Kaminbar von Schloss Elmau

"Luxury Spa & Cultural Hideaway" nennt sich das zwischen Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald gelegene Hotel, das Wellness und Kultur auf höchstem Niveau bietet. Ein Haus mit hundertjähriger Geschichte, lange geprägt von seinem Gründer Johannes Müller und dessen weltanschaulicher Ausrichtung, die eine spezielle Klientel anzog.

"Das ausgehende 19. Jahrhundert ist in Europa durch die galoppierende, in alle Lebensbereiche eingreifende Industrialisierung, durch Verstädterung und Vermassung geprägt. Mit dem technischen Fortschritt, dem Siegeszug der Naturwissenschaften geht die Säkularisierung, der Verlust des Glaubens einher. Die Folge für den modernen Menschen sind Entfremdung und Sinnverlust. In der Krisenstimmung des „Fin de siècle“ wächst das Bedürfnis nach geistiger Orientierung. Dies ist die Stunde Johannes Müllers, der sich berufen fühlt, ein neues Verständnis der christlichen Botschaft zu verbreiten."

(Friedemann Beyer)

"Freistätte" reformierten Lebens

Müller ist eine der schillerndsten Gestalten der jüngeren deutschen Geistesgeschichte: Als Philosoph, Religions- und Lebensreformer fand er vor dem Ersten Weltkrieg zahlreiche Anhänger in der saturierten Wilhelminischen Gesellschaft und suchte den Traum von einem ursprünglichen Leben in der Abgeschiedenheit der Bayerischen Alpen zu verwirklichen. Als "Freistätte" reformierten Lebens wurde 1914 Schloss Elmau errichtet. Später predigte Johannes Müller die "Wiedergeburt des Deutschen Volkes" und wurde zu einem frühen Anhänger Hitlers. Der Nazi-Partei jedoch stand er ablehnend gegenüber. Außerdem war er bekennender Philosemit.

"Johannes Müller hielt Hitler lange für einen 'Clown' und verurteilte die 'unwürdige Hetze' gegen Juden, von denen viele auf Schloss Elmau Urlaub machten und zu Müllers Freunden zählten. Doch als im Januar 1933 Hitler an die Macht kommt, dauert es nur wenige Monate, bis Müller das Hohelied auf den 'Führer' anstimmt, in dem er einen Gottgesandten sieht, der Deutschland zu neuer Größe führt."

(Friedemann Beyer)

Prominente Stammgäste

Vicco von Bülow | Bild: picture-alliance/dpa

Vicco von Bülow

Nach Kriegsende, erzwungener Schließung durch die Alliierten und Müllers Tod wurde Schloss Elmau Anfang der 1950er Jahre von seinen Erben wieder eröffnet und blieb - bei Kammermusik, Volkstanz und Vorträgen - ein halbes Jahrhundert lang Begegnungsort deutscher Kultur- und Geisteselite mit esoterischem Einschlag. Immerhin gehörten Vicco von Bülow oder Johannes Rau zu den Stammgästen.

"Er (Johannes Müller) hat seinen politischen Irrtum eingestanden und war am Boden zerstört, hat aber nicht seinen theologischen Irrtum in Frage gestellt. Seine Schlussfolgerung war, dass er sich eigentlich jeder Form der Äußerung hätte enthalten müssen und vor allem jeder Art der politischen Konkretisierung. Also er hat schon gesehen, dass die Politisierung seiner Theologie, dass das ein fataler Irrtum, dass das ein Verstoß gegen sein eigenes Ideal war."

(Dietmar Mueller-Elmau)

Runderneuerung nach Großbrand

Dietmar Mueller-Elmau, Geschäftsführer des Schlosshotels Elmau | Bild: picture-alliance/dpa

Dietmar Mueller-Elmau

Den radikalen Bruch mit der Vergangenheit vollzog Dietmar Mueller-Elmau, ein Enkel des Gründers, der das Hotel 1997 übernahm, nach einem Großbrand 2005 rundum erneuerte und seither erfolgreich führt.

"Dieser totalitäre Geist des Gemeinschaftssinns, Kulturverherrlichung, Naturverherrlichung, das hat mich gestört. Mir war’s zutiefst zuwider, diese Welt. Ich fand sie scheinheilig bis zur Unerträglichkeit."

(Dietmar Mueller-Elmau)

"Trotz seiner demonstrativen Abkehr von der weltanschaulichen Ausrichtung seines Großvaters, bewegt sich Dietmar Mueller-Elmau, vielleicht mehr als gewollt, auf einer Traditionslinie mit dem Gründer des Hauses. Mueller-Elmaus selbstgesetzter Anspruch, Schloss Elmau von einem ehemals 'weltentrückten Idyll deutscher Innerlichkeit und metaphysischer Eindeutigkeit in ein weltoffenes Idyll kosmopolitischer Weltläufigkeit und säkularer Vieldeutigkeit' transformiert zu haben, mag zwar äußerlich zutreffen. Doch zeigt sich der vom Enkel so verschmähte 'Geist' der Elmau erstaunlich resistent - wenn auch angepasst an die veränderten Bedingungen einer globalisierten, individualisierten Welt: Gemeinschaft wird heute nicht mehr in Volkstanzgruppen, sondern in den zahlreichen Yoga-Retreats des Hotels zelebriert, und Entrücktheit stellt sich eben weniger bei Kammermusik als bei Jazz-Abenden oder Meditationsrunden ein. An den Traum von der Ich-Vergessenheit gemahnt heute nicht mehr die Bergpredigt, sondern schlicht die Gegenwart vieler Kinder.
Mögen also die Zeiten wechseln, so bleibt Schloss Elmau auch in seiner säkularisierten Form ein Ort, wo Natur und Kultur eine Verbindung der besonderen Art eingehen, und wo das Ich die ausschließlich schönen Seiten des Lebens genießen und daran genesen darf. Auch eine Form der Religion."

(Friedemann Beyer)


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