Bayern 2 - Land und Leute


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"Hier bin ich ein Herr" Albrecht Dürer in Venedig

Man mag sich fragen, warum gerade Venedig Dürers Sehnsuchtsort war und nicht etwa Leonardos Mailand oder Botticellis Florenz. Doch nichts lag näher: Seit dem Mittelalter bestanden zwischen Nürnberg und der Serenissima enge Handelssbeziehungen. Auch ähnelten sich die oligarchischen Herrschaften der beiden Städte, und die Nürnberger nannten ihre Stadt stolz das Venedig des Nordens. Umgekehrt räumten die hochmütigen Venezianer den Nürnbergern ein, wenn alle anderen Städte in Deutschland blind seien, so sehe ihre Stadt wenigstens auf einem Auge.

Author: Dietrich Leube

Published at: 17-6-2012 | Archiv

Albrecht Dürer, Selbstbildnis | Bild: picture-alliance/dpa

Werk und Bedeutung Albrecht Dürers sind ohne die Reisen des jungen Malers nach Venedig nicht vorstellbar. Mehr noch: fünfhundert Jahre später erscheint seine Begegnung mit den Bildwerken der italienischen Renaissance als Epochenwende in der deutschen Malerei. Als erster seiner Zunft überquert der Malergeselle Dürer die Alpen, entdeckt mit 23 Jahren in Venedig das Wesen und die Formen der Renaissance.

Dürer holte die Renaissance nach Norden

Dürers "Bildnis einer jungen Venezianerin" (1505)

Die Frucht seiner Italienreise 1494-1495 sind die berühmten Aquarelle aus Südtirol, die ersten selbständigen Landschaftsbilder der abendländischen Malerei. Die zweite Reise, zehn Jahre später, sollte dann seinem Werk und seinem wachsenden Selbstbewusstsein die entscheidenden Impulse vermitteln, an denen sich sein gesamtes Schaffen ausrichtete, das wiederum die Entwicklung der Kunst seiner Zeit bestimmen würde. Im Alleingang hat Dürer, der aus spätgotischem Handwerk herausgetretene Künstler, die Renaissance nach Norden geholt, ein neues autonomes Menschenbild aus der Erneuerung der Antike.

Ankunft im Nebelverhangenen Venedig

Der Markusplatz in Venedig

Als er in Venedig ankam – auf einem Boot, denn der Damm zum Festland wurde erst im 19. Jahrhundert angelegt -, da herrschte bereits Winter, und der junge Maler mag die byzantinisch-gotische Pracht der Stadt vom Nebel über der Lagune eingehüllt wahrgenommen haben. Er wird wohl ein bescheidenes Quartier in der Nähe der Rialto-Brücke bezogen haben, damals noch eine Holzkonstruktion, die sich in der Mitte für größere Schiffe öffnen ließ. Gleich hinter der Brücke lag der „Fondaco dei Tedeschi“, seit dem 13. Jahrhundert die große Handelsniederlassung der deutschen Kaufleute, zu Zeiten Dürers eine wahre Goldgrube für die Signoria. Denn hier mussten alle Handel treibenden Deutschen wohnen, speisen und ihre Geschäfte tätigen, wobei jeder Vorgang von Venezianern streng kontrolliert und doppelt besteuert wurde, erst bei der Einfuhr und dann wieder bei der Ausfuhr.

Aufschlussreiche Dürer-Briefe aus Venedig

Dietrich Leube hat die Briefe gesichtet, die Dürer während seines zweiten – ausgedehnten – Venedig-Aufenthalts an seinen Freund und Gönner, den Handelsherrn Willibald Pirckheimer, schrieb; sie geben ein beredtes Zeugnis seiner Beobachtungen, Erfahrungen und Stimmungen und sind zugleich Streiflichter aus der Lagunenstadt. - Ein Beitrag zur großen Dürer-Ausstellung, die vom 24. Mai bis 2. September im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen ist.


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