Bayern 2 - Land und Leute


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Der Fall Chorinsky (1867) Giftmord in den höchsten Kreisen

Seidene und halbseidene Geschichten. Heute: Ein Giftmord in den höchsten Kreisen. - Der Fall Chorinsky beschäftigte über Monate die internationale Presse. - Henrike Leonhardt berichtet über ein Aufsehen erregendes Verbrechen in einer politisch erregten Zeit.

Author: Henrike Leonhardt

Published at: 5-8-2012 | Archiv

Giftwarnung | Bild: picture-alliance/dpa

„Am Samstag Abends wurde die seit ungefähr einem Jahr hier wohnende, in getrennter Ehe von ihrem Gatten lebende Gräfin Mathilde von Chorinsky-Ledske aus Österreich entseelt in ihrer Wohnung gefunden. Die vorgenommene Sektion ergab, dass die Gräfin durch den Genuss von Blausäure ihr Ende gefunden hat. Näheres Licht über diesen auffallenden Todesfall zu verbreiten, muss der eingeleiteten gerichtlichen Untersuchung vorbehalten bleiben. Die Ansicht einer Beraubung scheint nicht vorzulegen.“ Was Ende November 1867 in einer knappen Lokalnotiz gemeldet wird, beschäftigt von da an über Monate als Sensationsfall die internationale Presse. Crime und Sex in der High Society!

Die letzte Besucherin trug Totenkopf-Ohrringe

Eine geheimnisvolle Frau mit Totenkopf-Ohrringen

Zur Bestattung der Gräfin reist ihr Schwiegervater aus Wien an - der k. k. Statthalter von Niederösterreich - de facto Stellvertreter des Kaisers! Auch der geschiedene Gatte kommt nach München. Als er unter dringendem Tatverdacht verhaftet wird, findet man bei ihm die Fotografie seiner Geliebten, der ungarischen Aristokratin und Stiftsdame Julie Ebergenyi von Telekes. Sie wird als letzte Besucherin der Gräfin erkannt - damals trug sie zum schwarz-weißen Gewand ein Ohrgehänge in der Form von Totenköpfen…

Berliner Gerichts-Zeitung, 25. April 1868:

Giftmordproceß Ebergényi-Chorinsky in Wien - Dieser Proceß hat am 22. des Monats begonnen […] Die Thore des Landesgerichts-Gebäudes sind von einer großen Menschenmenge belagert [...] Das Gesicht mit der rechten Hand bedeckend, schreitet [die Angeklagte] auf die Anklagebank zu […] Sogleich erhebt sich das Publicum, um die Angeklagte besser zu sehen. Vom Hintergrunde ertönen energische Rufe: Setzen! Setzen! Präsident: Ich ermahne alle Anwesenden sich zu setzen. (Zur Angeklagten): […] Ihr Name? - Die Angeklagte senkt den Blick zu Boden und lispelt etwas. Präsident: Ich muß Sie bitten laut zu sprechen. Die Verhandlung ist eine öffentliche und die Anwesenden haben das Recht Sie zu hören …

Übrigens trägt die hübsche, etwas üppige junge Frau, auf Verlangen des Gerichts, dieselbe Kleidung wie am Tag der Tat, der Blick fällt auf den Schmuck mit den Totenköpfen. Die aristokratisch kleinen Hände sind mit braunen Handschuhen bedeckt. Julie Ebergényi, angeklagt des Meuchelmordes, hatte anfangs die Tat gestanden, widerrief und leugnete dann aber, verwickelte sich samt meineidigen Zeugen in ein Lügengespinst aus falschen Alibis und Behauptungen. Eine Baronin Vay sei die Täterin, nein … eine Baronin Horvath …

Das Urteil: Im Namen Sr. Majestät des Kaisers! Das k. k. Landesgericht Wien hat zu Recht erkannt: Julie Ebergényi de Telekes ist des Verbrechens des vollbrachten Meuchelmordes […] als unmittelbare Täterin schuldig und wird […] zur Strafe des schweren Kerkers in der Dauer von zwanzig Jahren verurtheilt. Diese Strafe wird […] mit einer Woche Einzelhaft am Schluß jeden Strafjahres verschärft. Sie wird […] für das Geltungsgebiet des österreichischen Strafgesetzes des Adels für verlustig erklärt …

Die Prozesskosten trägt die Verurteilte. Die habe nun „förmlich“ aufgeatmet … Es hätte ja auf die Todesstrafe hinauslaufen können ... - - - Julie Ebergényi stirbt fünf Jahre später, 1873, in der niederösterreichischen Landesirrenanstalt. Cholera? Suizid? Wahnsinn?


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