Bayern 2 - Land und Leute


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Christian Barthelmess Ein Franke als Fotoreporter in Wilden Westen

Christian Barthelmess stammte aus dem mainfränkischen Städtchen Klingenberg und hätte in der Heimat seine vielseitigen Begabungen vermutlich nie recht entfalten können. So wanderte er 1867 nach Amerika aus. - Ulrich Zwack schildert das Leben eines fränkischen Foto- und Ethnografen, den seine indianischen Models respektvoll "Schattenfänger" nannten.

Von: Ulrich Zwack

Stand: 01.01.2015 | Archiv

Alte Atelierkameras | Bild: Siepmann/imageBROKER/Süddeutsche Zeitung Photo

Christian Barthelmess wollte auswandern - und weil es das Schicksal gut mit ihm meinte, schickten ihm nach Amerika ausgewanderte Verwandte 1867 das Geld für die Schiffspassage. So konnte der damals gerade mal dreizehn Jahre alte Barthelmess sein Glück in der Neuen Welt suchen - und er hat es in der Armee dort auch prompt gefunden. Nicht als großer Krieger, aber als angesehener Militärmusiker und noch angesehenerer Fotograf.

Damals waren Kameras schwere, sperrige Holzkisten

Während seiner Militärzeit legte Christian Barthelmess sich bald auch ein für die damalige Zeit höchst ungewöhnliches Hobby zu und baute es schließlich zum regelrechten Zweitberuf aus: die Fotografie. Heute kann man sich kaum mehr vorstellen, was daran ungewöhnlich sein soll. Aber zu Barthelmess’ Zeiten fotografierte man noch nicht mit handlichen Digitalkameras, sondern mit riesigen Holzkisten, die wegen ihres Gewichtes und der ewig langen Belichtungszeiten grundsätzlich auf ein massives Stativ geschraubt werden mussten. Deshalb betrieben die wenigen Fotografen, die es gab, ihr Handwerk in aller Regel in einem Studio. Christian Barthelmess aber schleppte den sperrigen Fotokasten am liebsten ins Freie, um Außenaufnahmen zu machen. Ein Vorhaben, das um so verrückter erschien, als es auch noch keine flexiblen Filme gab, sondern nur lichtempfindlich beschichtete Glasplatten, was die Freilichtfotografie zusätzlich erschwerte. Barthelmess transportierte die leicht zerbrechlichen Negativträger einfach in Hafersäcken übers Land.

Er fotografierte die Indianer in freier Natur

Der Cheyenne Stump Horn mit seiner Familie (fotografiert von Christian Barthelmess, 1890)

Am liebsten fotografierte er Indianer. Also Mitmenschen, die viele Weiße damals vor allem als lebende Zielscheiben betrachteten. Das war schon für sich allein betrachtet ziemlich sensationell. Noch sensationeller war freilich , dass Barthelmess die Indianer nicht im Studio, sondern in der freien Natur fotografierte. Dadurch erwarb er sich ein konkurrenzloses fotografisches Freilicht-know-how. Kein Wunder, dass er zum offiziellen Bildchronisten der geografisch-topografischen Grand-Canyon-Expedition von 1887/88 befördert wurde. Lange konnte er sich seiner Erfolge freilich nicht erfreuen: Einen Tag vor seinem 52. Geburtstag verunglückte er tödlich.

Buchtipp:

Überall und nirgends zu Hause: Emigranten zwischen Altem Europa und Neuer Welt
Ein Radio Revue-Lesebuch des Bayerischen Rundfunks

  • Herausgeber: Gabriele Förg
  • Taschenbuch: 220 Seiten
  • Verlag: Buch&Media (1. Dezember 2003)
  • ISBN-10: 3865200311
  • ISBN-13: 978-3865200310

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