Bayern 2 - Land und Leute


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Die Caprihose wird 70 Aus München in die Welt

Man möchte glauben, sie habe auf der Insel Capri ihren Ursprung - und die Capresen wollen uns dies auch tatsächlich glauben machen. In Wahrheit jedoch wurde sie in der bayerischen Landeshauptstadt von der Designerin Sonja de Lennart kreiert.

Von: Markus Metz und Georg Seeßlen

Stand: 13.09.2015 | Archiv

Als München noch in Trümmern lag, im Jahr 1945, eröffnete eine umtriebige Sportlerin, Schauspielerin und Designerin namens Sonja de Lennart in der Stadt eine kleine Modeboutique, in der sie selbstentworfene moderne Kleidung für die Frau anbot. Ihrer ersten Kollektion gab sie den klang- und sehnsuchtsvollen Namen "Capri". Das Glanzstück dieser Kollektion, die zwischen 1945 und 1948 entstand, war die "Caprihose". Das war eine enganliegende, dreiviertellange buntgemusterte Hose mit einem seitlichen Schlitz, der das Umkrempeln des Saums erlaubte: Es war das Versprechen einer neuen Freiheit und Frechheit, ein Kleidungsstück, das alle Schrecken der Vergangenheit vergessen ließ und für die Zeit von Nachkrieg und Wirtschaftswunder so charakteristisch wurde wie Nierentische und Campingurlaub.

Ein Kult-Beinkleid im Wandel der Zeit

"An der Kleidung war zu erkennen, ob jemand Flausen im Kopf hatte. Ob eine Frau etwa aus den überkommenen Rollenmustern ausbrechen wollte. Natürlich argumentierte man in den fünfziger Jahren in der Bundesrepublik nicht mehr mit Nazi-Rhetorik. Vielmehr ging es um Anständigkeit, Tradition und Sitte. Und wenn es sein musste, konnte man immer noch auf die Bibel verweisen:
'Eine Frau soll keine Männerkleidung tragen und ein Mann keine Frauenkleidung.
Wer so etwas tut, den verabscheut der Herr, euer Gott.'
- 5. Buch Mose, Kapitel 22, Vers 5 -"

(Markus Metz, Georg Seeßlen)

Sonja de Lennart - Erfinderin der Caprihose

Die Designerin Sonja de Lennart

Die Sehnsucht nach Offenheit, nach Leichtigkeit, nach Beweglichkeit aber war stärker als Sittendiktat und Bibelsprüche. Für die Teenager kamen der Rock’n’Roll, der Vespa-Roller, das Transistor-Radio und die Juke Box. Für die Eltern der Camping-Urlaub, der Neckerman-Katalog und das Fernsehen. Frauen erhielten Waschmaschinen, Kühlschränke und andere kleine Haushaltshelfer. Und wenigstens im Kino konnte man von einer vollkommen neuen Mode träumen - wie etwa dem New Look, den Christian Dior in Paris kreierte. Doch der größte aller modischen Befreiungsschläge dieser Zeit kam aus Deutschland, genauer gesagt aus München, noch genauer gesagt aus der Salvatorstraße. Und wie es so geht - auch diese Moderevolution begann mit einer ganz persönlichen Befreiung ...

"Ich habe das Handwerk gelernt, obwohl mein Vater völlig dagegen war: Du mußt keine Flickschneiderin werden! Ich habe mich durchgesetzt und fand das Handwerk, das beste, das es gibt auf der Welt. Ich habe Entwürfe gemacht, Ideen gehabt und das habe ich den Menschen präsentiert."

So erinnert sich die 95jährige Sonja de Lennart. Ein Platz in der Geschichte des Modedesigns ist ihr  schon wegen eines einzigen mythischen Kleidungsstücks sicher: der Caprihose.

Weltweite Popularität durch Filmstars

Die Schauspielerin Mady Rahl

Besonders populär wurden die Caprihosen auch durch das Kino; die beliebte Schauspielerin Mady Rahl wurde als Model das "Gesicht" der Modelinie. Zum Siegeszug der Caprihose gehörte es natürlich auch, dass sich Ewiggestrige und Moralisten über sie empörten. Die Caprihose aus München wurde dennoch oder gerade deswegen so populär, dass sich sogar Hollywood für das neue Modeteil interessierte: Weltweit durchgesetzt hat sich die Caprihose schließlich, als Audrey Hepburn in "Roman Holiday" sich mit einer Caprihose auf eine Vespa schwang. Danach gab es kaum einen weiblichen Hollywoodstar, der sich nicht in dieser praktischen und sexy wirkenden Hose zeigte, Marilyn Monroe, Doris Day, Anita Ekberg. Seitdem hat es immer wieder einmal Comebackversuche der Caprihose gegeben, letztendlich bleibt sie aber eines jener Objekte, die zu einer nostalgischen Sehnsucht nach einer Zeit voller Aufbruch und Hoffnungen gehören.

Sonderausstellung im Textilmuseum Augsburg:

Kurz, kess und Kult - Sonja De Lennart und die Caprihose
17. Juli bis 20. September 2015


Die Capri-Kollektion wird 70! Zum runden Geburtstag dieser weltberühmten Modeartikel mit Schlitz lädt das tim die Besucher auf eine spannende Zeitreise ein, zurück zum modischen Karrierestart der Caprihose. Die Schau spannt den Bogen vom Atelier der jungen Modeschöpferin Sonja De Lennart im München der Nachkriegszeit bis zu den ersten Touristenwellen über den Brenner an italienische Strände der 1950er Jahre und weiter bis nach Hollywood.

Dabei können die Museumsbesucher einen Blick in ein Modehaus der Nachkriegszeit werfen, und sie treffen dabei auf zahlreiche prominente Caprihosen-Trägerinnen. Zahlreiche Stücke aus den ersten Kollektionen Sonja De Lennarts zeugen von den modischen Idealen, Frauenbildern, Hoffnungen und Träumen der damaligen Zeit und vermitteln eindrucksvoll das Lebensgefühl einer ganzen Generation.


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