Bayern 2 - Land und Leute


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Die Welt im Dorf Bürgermeister Josef Fischer und seine Chroniken

Der schwäbische Bürgermeister Josef Fischer hat 40 Jahre lang die Chroniken seiner Heimatgemeinde Häder bei Augsburg geschrieben. Auf mehr als 100 Seiten schildert er die Ereignisse während des Ersten Weltkriegs und die politischen Umbrüche danach. Claudia Decker stellt einen honorigen Menschen vor.

Von: Claudia Decker

Stand: 11.12.2016 | Archiv

„Wenn ein alter Mensch stirbt, verbrennt eine ganze Bibliothek.“ Diese afrikanische Weisheit gilt nicht nur für Afrika. Immer und überall sterben mit einem alten Menschen seine Erlebnisse und Erkenntnisse, seine Lebenserfahrung, seine Zeitzeugenschaft. Das alles wollte Josef Fischer für seine Nachkommen retten.

"Im Juni und Juli 1916 stand Deutschland vor der Aushungerung"

In dem kleinen Häder bei Augsburg wird Josef Fischer im Jahr 1894 Bürgermeister – das Amt hatte schon sein Vater inne. Drei Jahre später beginnt er, die Geschehnisse im Dorf in Chroniken aufzuzeichnen, 40 Jahre lang,  bis 1937. Er protokolliert die für ein Dorf lebenswichtigen Ernten jener Jahre, schildert das Dorfleben, die Sitten, Gebräuche und Wertvorstellungen der Menschen und ihre Ohnmacht angesichts der Weltläufte. Im dritten Kriegsjahr 1916 schreibt er: „Ein Ende des Krieges ist gar nicht abzusehen. Im Juni und Juli 1916 stand Deutschland vor der Aushungerung. Im Juli 1916 wurde mit allen Mitteln versucht, Kartoffeln aufzutreiben, um sie mit Schnellzügen nach dem Ruhrgebiet zu befördern, wo Hungerrevolten nur mehr durch schleunige Zufuhr von Lebensmitteln zu vermeiden waren. Auch von hier kamen viele Zentner Kartoffeln dorthin.“

Josef Fischers Urenkel bewahrt die Chroniken wie einen Schatz

Ein Urenkel von Josef Fischer, Franz-Josef Böck, lebt mit seiner Familie in Häder. Eine Großtante hatte ihm viel von ihrem Vater erzählt.

"Die Lebensweise, es waren 13 Kinder im Haus, die Art und Weise, wie sie sich in der Familie verhalten haben, dass ihr Vater streng und gerecht war. Wenn er z. B., was öfter vorgekommen is, auch mal Tage unterwegs war, in seiner Funktion als Hagelschätzer, dass er zum Beispiel den Kindern Süßes mitgebracht hat. Und die Aufzeichnungen, von denen hat mir meine Tante immer wieder erzählt, von den Jahreschroniken, das war ein stehender Begriff." (Franz-Josef Böck)

In einem weißen Karton verwahrt die Familie die alten Schreibhefte von Josef Fischer, ein unscheinbarer Schatz: blaue und rosafarbene Mappen, an den Rändern abgegriffen, geknickt und eingerissen. Die vergilbten Seiten mit groben Fäden gebunden, mal liniert, mal ohne Linien. Schlichte Schriftstücke aus einer versunkenen Zeit, wäre da nicht Blatt für Blatt dasselbe ebenmäßige Bild, ohne die kleinste Abweichung: eng beschrieben mit schwarzer Tinte, der linke Rand exakt wie mit dem Lineal gezogen, die Schrift steil, sauber, makellos, ohne Klecks, ohne Fettfleck. Beeindruckend.

Ein rechtschaffener, honoriger Mann

Es gibt ein Foto von Josef Fischer, aufgenommen nach der Primizfeier eines Sohnes, 1926: Er mit seiner Frau und elf Kindern, zwei Söhne sind als Soldaten gefallen, Weltkriegsopfer. Mit 66 Jahren kann Josef Fischer auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Auf dem Foto sitzt er neben seiner Frau, aufrecht, einen halben Kopf größer als sie, schlank, im schwarzen Anzug, die Kette der Taschenuhr im Knopfloch der Weste, gerader, wacher Blick, ein Lächeln nur angedeutet, das Haar kurz und schlohweiß, weiß auch der markante Walrossbart.

Der Bürgermeister ist da schon gut 32 Jahre im Amt, immer mit satter Mehrheit wiedergewählt, zu seinem 25jährigen Bürgermeisterjubiläum beschenkt mit einem Regulator. Und er bekleidet weitere Ämter: Er ist Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr, Hagelschätzer für die Bayerische Versicherungskammer, Geschworener am Schwurgericht Augsburg, Mitglied des Bezirkstages, der Bezirksbauernkammer, des Oberversicherungsamtes. Im Hauptberuf ist er Bauer, wie alle anderen in Häder, mit 45 Tagwerk, Milchvieh, Schweinen und Ochsen. Die Kinder, Knechte und Mägde helfen bei der Arbeit. - Josef Fischer ist ein rechtschaffener, honoriger Mann.

"In fast jedem Dorf werden Hitler-Eichen gepflanzt"

In den 30er Jahren übernehmen die Nationalsozialisten auch in Häder die Macht. Josef Fischers Einschätzung dieser neuen Zeit ist hellsichtig: „Es gibt keine Wahrheit, kein Recht und keine Gerechtigkeit mehr. Die Zeitungen werden zu ekelhafter Heuchelei gezwungen. Die Zahl der Gemeinden, die Hitler das Ehrenbürgerrecht verliehen haben, geht in Bayern in die Tausende. In fast jedem Dorf werden Hitler-Eichen gepflanzt.“ Josef Fischer macht aus seiner Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten keinen Hehl. Im August 1934 erklärt er seinen Rücktritt als Bürgermeister von Häder. Noch bis 1937 führt er seine Aufzeichnungen weiter. Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt er nicht mehr, er stirbt mit fast 85 Jahren im Januar 1945.

Claudia Decker hat sich in Häder auf Spurensuche nach Josef Fischer begeben.


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