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Brecht in Badehosen Der junge Brecht - ein Fotoalbum

Fotos können den schönen Schein wahren oder tiefe Einblicke gewähren, falsche Tatsachen vorspiegeln oder entlarvende Ansichten bieten. Derlei "Kippbilder" umfasst auch jene Sammlung privater Aufnahmen, die derzeit in der Augsburger Brecht-Forschungsstätte unter die Lupe genommen werden. Sie dokumentieren die Kindheit und Jugend eines der bedeutendsten deutschen Dichter und Dramatiker.

Von: Justina Schreiber

Stand: 08.03.2015 | Archiv

Der junge Brecht in Badehosen (unten rechts) | Bild: Mit Genehmigung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg

"Brecht etwa 1911 / 1912 in Badehose, also außer einer Badehose trägt er nichts, im Klassenverband wohl. Ich würde sagen, entstanden am Lech oder an der Wertach, also Ur-Augsburger Gestein. Er passt sich zwar gesellschaftlich an, indem er sich da hinsetzt. Aber er sitzt ein wenig abgewandt und fühlt sich offenbar in der Rolle fast nackt fotografiert zu werden, zumindest unwohl, er opponiert da noch nicht. Er mag sich da den ein oder anderen Gedanken gemacht haben, aber er rebelliert nicht."

(Jürgen Hillesheim)

Er rebelliert noch(!) nicht ...

Der zukünftige Autor der "Dreigroschenoper", rebelliert noch! nicht. Ein Vor-Läufiger sitzt da also auf dem äußersten Rand der Bank am Fluss. Einer, aus dem noch etwas werden wird und werden muss. Eugen, so sein Rufname, wirkt hier überraschend kräftig, gar nicht so mickrig wie sonst; ja, so einer schreibt dann halbstarke Texte, die "Vom Klettern in Bäumen" oder "Vom Schwimmen in Seen und Flüssen" handeln. Oder erliegt man hier etwa einer optischen Täuschung, weil der 13-jährige Brecht als Einziger im Vordergrund des Bildes zu sehen ist und deshalb größer als alle anderen erscheint?

Das private Fotoalbum der Eltern Brechts

Jürgen Hillesheim, der Leiter der Brecht-Forschungsstätte in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, sitzt an der wissenschaftlichen Aufarbeitung eines Schatzes der besonderen Art: Das gut 40 Bilder umfassende private Fotoalbum der Eltern Bert Brechts dokumentiert die Jugendjahre des bedeutenden deutschen Dramatikers.

Zwei Brechtforscher vor dem Bildschirm:

Der Germanist Helmut Koopmann berät seinen Kollegen Jürgen Hillesheim. Das bislang unbekannte Fotoalbum der Familie Brecht ist eine Sensation. Wenn auch eine kleine, denn die Bilder werfen kein wirklich neues Licht auf den Dichter. Das Album stammt aus dem Nachlass von Brechts Bruder Walter und lag lange unbeachtet im Archiv der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, bis es Jürgen Hillesheim nun ausgrub. Für die wissenschaftliche Aufarbeitung wurden die Fotos eingescannt; das Original im auberginefarbenen Samtumschlag verschwand wieder im Safe.

"Es ist natürlich der ganz junge Brecht, der hier erscheint. Brecht ist Zeit seines Lebens doch erstaunlich gradlinig geblieben, was seine Haltung zur Welt angeht, was seine Haltung zu seinen Mitmenschen angeht und ich würde sagen ein gewisser Ernst, der eigentlich die Bilder des späten Brecht immer auszeichnet, es gibt so gut wie kein Bild, wo Brecht lacht, das deutet sich hier auch schon an. Es gibt so gut wie kein Bild, wo er auch nur das Gesicht verzieht."

(Helmut Koopmann)

Momentaufnahmen eines Heranwachsenden

Bertolt Brecht als 20jähriger im Jahr 1918 | Bild: picture-alliance/dpa

Bertolt Brecht als 20jähriger im Jahr 1918

Da steht der 12-Jährige, der damals noch Eugen Berthold hieß, grimmig neben seinem Bruder Walter. Stinkt ihm etwa seine bürgerliche Familie? Und dort posiert der spätere Frauenheld stilsicher mit offenem Hemd im Zentrum seiner Schulklasse. Oder wie wär’s mit dem Foto, das den zukünftigen Verfasser der Dreigroschenoper im Juni 1916 mit Gitarre in seiner kleinen Mansardenwohnung zeigt? Hier ist, wie nebenbei, ein historischer Wendepunkt in der Biografie des Schriftstellers eingefangen. Von nun an zeichnete der junge Mann seine Werke nämlich mit "Bert Brecht" ...


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