Bayern 2 - Land und Leute


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"Treppenterrier" Blockwarte im Nationalsozialismus

Der Block war die kleinste Einheit des Deutschen Reiches. Der Blockwart – ab 1933 Blockleiter genannt – war also die unterste Hierarchieebene der NSDAP: Er unterstand dem Zellenleiter. Darüber kamen der Ortsgruppenleiter, der Kreisleiter und der Gauleiter. Unter sich hatte er nur die Blockhelfer und Hauswarte in seinem Block und die Blockwalter der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und der Deutschen Arbeitsfront (DAF).

Von: Ulrich Trebbin

Stand: 03.11.2013 | Archiv

Mann überwacht Treppenhaus | Bild: picture-alliance/dpa

Als Täter sind uns aus der Zeit des Nationalsozialismus vor allem die hohen Chargen ein Begriff: die Angeklagten der Nürnberger Prozesse, Männer wie Adolf Eichmann oder auch besonders grausame KZ-Wächter wie die "Stute von Majdanek". Die alltäglichen Täter sind uns meist weniger präsent. Täter, mit denen jeder Deutsche ständig zu tun hatte, waren die "Blockleiter" - auch "Blockwarte" genannt. 1935 gab es etwa 200 000 von ihnen. Die Bevölkerung nannte sie zwar abfällig "Treppenterrier", dessen ungeachtet hatte man sich vor ihnen in Acht zu nehmen.

Aus einem Schreiben der NSDAP-Ortsgruppe Nürnberg-Lichtenhof:

"Der Blockleiter soll seinen Block nicht vom Schreibtisch aus regieren, sondern er soll zunächst eine enge persönliche Fühlung mit seinen Blockwaltern herstellen. Darüber hinaus soll er den Kontakt mit den Parteigenossen und Volks­genossen seines Blocks engstens aufrecht erhalten. Auf die Parteigenossen insbesondere muss er einwirken, damit sie nicht nur ihren Beitrag zahlen, sondern auch praktisch an der nationalsozialistischen Lebensgestaltung mitarbeiten. Es braucht dies nicht immer durch Übernahme eines Amtes geschehen, sondern dadurch, dass ein Parteigenosse mit Bewohnern seines Hauses (…) in engere Fühlung kommt, die von ihm gelesenen Zeitungen weitergibt, sich bei den Besuchen, die er in den Familien macht, mit den Volks­genossen über weltanschauliche und politische Fragen unterhält. Über die Parteigenossen hinaus muss auch der Blockleiter selbst (…) persönlichen Kontakt mit den Volksgenossen suchen. Er soll sie von Zeit zu Zeit in den Wohnungen aufsuchen, sich mit ihnen über berührende Probleme unterhalten und ihnen helfen, wo dies möglich ist."

Vorzeigedeutsche mit arischer Abstammung

Blockwart bei der Arbeit

Die Blockwarte waren die rangniedrigsten Funktionäre der NSDAP, jeder für etwa 50 Haushalte zuständig. Diese Vorzeigedeutschen, mit arischer Abstammung zurück bis ums Jahr 1800, machten nicht nur Propaganda für die Partei, ließen für das Winterhilfswerk sammeln oder verteilten die Lebensmittelkarten, sondern sie überwachten die Menschen auch, die in ihrem Bereich wohnten: Hielten sie sich an die Luftschutzordnungen? Verdunkelten sie bei Angriffen ihre Fenster? Besaßen sie eine Hakenkreuzfahne und hissten sie, wenn es geboten war? Wer war ein "Judenfreund" oder äußerte sich gar regimekritisch? Die Blockwarte waren erste Ansprechpartner für Denunziationen und stellten Leumundszeugnisse aus. Außerdem führten sie Buch über den Besitz und die Wohnungen der jüdischen Deutschen und leisteten so entscheidende Vorarbeit für die Arisierung.

"Eine weitere mögliche Quelle für die Tätigkeit von Blockleitern der NSDAP sind die Akten von Gerichtsprozessen wegen so genannter lästerlicher Reden, defaitistischer Äußerungen, Abhören von so genannten 'Feindsendern' oder wegen verbotener sexueller Beziehungen zu Fremdarbeitern oder jüdischen Menschen – im Nazijargon 'Rassenschande' genannt. In den Prozessakten könnten sich Hinweise darauf finden, ob ein Blockwart die Angeklagten denunziert hat. In einer Stichprobe von 20 Fällen im Staatsarchiv München taucht jedoch kein einziger Blockwart als Zeuge oder Informant auf."

(U. Trebbin)


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