Bayern 2 - Land und Leute


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"Das Maß ist voll, aber zu theuer" Bier und Revolution

Bayern ist Bierland! Der einen Maßkrug in Händen haltende Bewohner dieses Bierlandes ist folgerichtig aus der autochthonen Ikonographie nicht wegzudenken. Doch Obacht! Auch wenn besagter Bewohner meist lächelt, lautet die Subbotschaft: Bier ist in Bayern eine sehr ernste Angelegenheit. Bier gehört zum Freistaat wie der Löwe zum Wappen oder der Schimpanse zur Trigema-Werbung und wer an dieser Seelenverwandtschaft in irgendeiner Weise rührt, muss mit dem Schlimmsten rechnen.

Von: Thomas Kernert

Stand: 18.09.2011 | Archiv

Bierkrug | Bild: picture-alliance/dpa

Dass das Bier zu Bayern gehört wie das Vaterunser in die Kirche, ist keine sehr erkenntnisintensive Feststellung. Gleichwohl gehört es heute anders zu Bayern als früher. Früher beanspruchte es den Stellenwert eines Grundnahrungsmittels, welches erstens rein und zweiten billig zu sein hatte. „München war die schönste und leichteste Zeit unserer Emigration”, schrieb Lenins Ehefrau Nadeschda Krupskaja: „Besonders gerne erinnern wir uns an das Hofbräuhaus, wo das gute Bier alle Klassenunterschiede verwischte.” Wer dieses soziale Regulativ aus schnöden ökonomischen Gründen antastete, bekam schnell den Volkszorn zu spüren. Die Folge waren Bierkrawalle wie 1844 und 1848 in München, 1866 in Nürnberg oder 1910 in Dorfen. Und auch die Revolution von 1918 wäre ohne die dramatische Qualitätsminderung des Dünnbieres kaum in die Gänge gekommen.

Biertrinken als Event

Bier ist heute nicht mehr nur ein Nahrungsmittel

Heute ist Bier kein Egalisator mehr, sondern ein Event. Will heißen: Es gehört nicht mehr substantiell in den Nahrungsmittelbereich, sondern ist Teil der Spaßartikelindustrie geworden. Bier macht fun - und fun kann und darf kosten, auch wenn’s weh tut: Lustig ist, wer trotzdem lacht! Um die 10 Euro kostet die Maß inzwischen auf der Wiesn und dennoch wird keine Sau revolutionäre Parolen skandieren, kein Ministerpräsident vor der Bierwut durstiger Volksmassen erzittern. Stoisch zückt besagte Volksmasse das Portemonnaie und trinkt sich regelkonform in den Ruin. Was bleibt, ist die Erinnerung an heroischere Zeiten. Thomas Kernert erinnert an sie ...


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