Bayern 2 - Land und Leute


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"So war das dortmals" Anna Wimschneider und ihr Bestseller "Herbstmilch"

Am 1. Januar 1993 starb Anna Wimschneider, deren Lebenserinnerungen mit dem poetischen Titel "Herbstmilch" zu einem überwältigenden Erfolg wurden. Viele Leser erkannten in dieser Schilderung des entbehrungsreichen Lebens der einfachen Bauersleut im Rottal ihre eigenen Erfahrungen wieder.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 01.01.2014 | Archiv

Anna Wimschneider | Bild: picture-alliance/dpa

Noch heute sagen ältere Frauen im Rottal und anderswo in Bayern über "Herbstmilch": "Dieses Buch hätte ich auch schreiben können". Sie sagen es nicht, weil sie Anna Wimschneider den Erfolg nicht gönnten, ganz im Gegenteil; es ist als Lob gemeint. Denn zu den größten Komplimenten, die man der Verfasserin einer solchen Autobiografie machen kann, gehören Sätze wie: "Genau so war das dortmals!" Die Rottaler Bäuerin Anna Wimschneider (1919-1993) hat solches Lob zu Lebzeiten wohl sehr oft zu hören bekommen, denn ihre Lebenserinnerungen mit dem poetischen Titel "Herbstmilch" haben einer ganzen Generation von Menschen auf dem (nieder-)bayerischen Land aus dem Herzen gesprochen.

"Dass eine schöne Zeit war? Bestimmt ned! Da sagen sie immer: ‚Die gute alte Zeit!‘. Kein Strom, keine Küchenmaschine, gar nichts. Des war eine harte Zeit. Mein Vater war auch im Krieg, und meine Mutter hat alles allein bewerkstelligen müssen. Die Oma war auch schon über 70."

(Maria Aigner)

1988 verfilmte Joseph Vilsmaier "Herbstmilch"

Filmszene aus "Herbstmilch" mit Werner Stocker als Albert Wimschneider und Dana Vavrova als seiner Ehefrau Anna

Der Erfolg ihres Buches im Jahr 1984 (über zwei Millionen verkaufte Exemplare) und fünf Jahre später der ebenso erfolgreiche Film von Joseph Vilsmaier mit Dana Vávrová und Werner Stocker in den Hauptrollen machten einmal mehr deutlich, dass der Alltag der so genannten kleinen Leute viele spannende und erzählenswerte Geschichten birgt. Geschichten vom harten Arbeitsleben auf dem Land zum Beispiel: Als ihre Mutter 1927 stirbt, muss die achtjährige Anna – das vierte von neun Kindern – den Haushalt der vielköpfigen Bauernfamilie führen. Mit 17 lernt sie den Jungbauern Albert Wimschneider kennen, den sie 1939 heiratet. Dann der Krieg; drei kleine Töchter, die harte Stall- und Feldarbeit und dazu eine bösartige Schwiegermutter. Landleben eben – dortmals – und das war alles andere als idyllisch!

"Wo Tod und Krankheit die Menschen im Alltag verschonen, da schlägt der Krieg seine Wunden. Auch bei den Wimschneiders. Als 20-Jährige heiratet Anna den drei Jahre älteren Landwirt Albert Wimschneider aus dem Weiler Schwarzenstein bei Pfarrkirchen. Elf Tage nach der Hochzeit zieht Albert als Soldat in den Zweiten Weltkrieg und wird später schwer verwundet. Anna bleibt zurück, mit der Verwandtschaft ihres Mannes - mit zwei pflegebedürftigen Onkeln, einer Tante und einer bitterbösen Schwiegermutter, die ihr das Leben von Anfang an zur Hölle macht. Und dann ist da noch die harte Arbeit. Männerarbeit. Eigentlich."

(Thomas Grasberger)

Gibt es heute noch ein Interesse für Sozial- und Alltagsgeschichte?

Wimschneiders Buch und die Verfilmung veränderten den Blick des ländlichen Bayerns auf sich selbst und seine eigene Geschichte. Doch was ist eine Generation später davon noch übrig? Wie steht es heute um das Interesse für Sozial- und Alltagsgeschichte? Thomas Grasberger sucht nicht nur darauf eine Antwort, sondern besucht auch jene Orte, an denen Anna Wimschneider lebte, wo die Geschichten entstanden sind und der Film "Herbstmilch" einst gedreht wurde.


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