Bayern 2 - Land und Leute


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Sansibar ist anderswo Wie Alfred Andersch das Fürchten lernte

Am 4. Februar 2014 jährt sich der Geburtstag des Münchner Publizisten, Kritikers und Erzählers Alfred Andersch zum 100. Mal. Hören Sie aus diesem Anlass eine kritische Würdigung des ebenso geschätzten wie umstrittenen Schriftstellers - unter besonderer Berücksichtigung seiner Erfahrungen während der NS-Zeit.

Von: Bernhard Setzwein

Stand: 02.02.2014 | Archiv

Alfred Andersch | Bild: picture-alliance/dpa

"War ein dunkler, schmutziger Frühlingstag, an dem sie Menschen in langen Reihen die Leonrodstraße in München entlangführten, in Richtung auf das Oberwiesenfeld zu, um sie in den weiten Höfen, vor den Garagenwänden des 'Kraftverkehr Bayern' zu erschießen."

(Alfred Andersch)

Wie fühlt sich jemand, der einen anderen erschießen soll?

Vier Jahre alt war Alfred Andersch, als er vom Balkon der elterlichen Wohnung in München-Neuhausen aus zusehen musste, wie Revolutionäre der Münchner Räterepublik zu ihrer Erschießung auf das Oberwiesenfeld abgeführt wurden. Schon damals war es vor allem eine Frage, die ihn nicht mehr losließ: Wie fühlt sich jemand, der einen anderen erschießen soll? Mit solchen Gewissensfragen konnte Andersch eigentlich nur in schärfsten Widerspruch zu den Nationalsozialisten geraten. Und das, wo doch sein Vater ein treuer Anhänger der braunen Bewegung war.

"Vater Andersch war, was man einen frühen Kämpen der nationalsozialistischen Bewegung nennen könnte. Gut bekannt mit Leuten wie Rudolf Hess, Alfred Rosenberg, Anton Drexler, Ur-Vater der NSDAP, oder Hermann Esser, Schriftleiter des 'Völkischen Beobachters', gehörte Andersch senior zu den Gründungsmitgliedern der Thule-Gesellschaft, einer höchst aggressiven und antisemitischen Art von Geheimorden. Aus deren Dunstkreis stammten genau solche Leute, die sich nicht das Geringste dabei dachten, wenn sie Menschen, die in ihren Augen nur rotes Gesindel waren, zur Erschießung abführten."

(Bernhard Setzwein)

Häftling im Konzentrationslager Dachau

KZ-Gedenkstätte Dachau bei München

Nichtsdestotrotz schloss sich schon der Jugendliche konspirativ den Kommunisten an. Er wurde entdeckt, verhaftet und wurde – nach eigenem Bekunden – als einer der ersten Häftlinge überhaupt in das neu errichtete KZ Dachau gebracht. Allein der Reputation des Vaters als alter Kämpfer der Partei verdankte er es, dass man ihn noch einmal laufen ließ. Nicht ohne ihm zu drohen, nach einer erneuten Verhaftung würde er erschossen werden. Alfred Andersch lernte also das Fürchten. Heiratete dennoch kurz darauf eine "Halbjüdin", seine erste Ehefrau Angelika. Die Umstände der Scheidung acht Jahre später geben bis heute Anlass zu Spekulationen. In seinem Roman "Sansibar oder der letzte Grund" werden diese Erlebnisse 1957 jedenfalls ihren Niederschlag finden.

W. G. Sebalds kritische Abrechnung mit Alfred Andersch

Der nach England ausgewanderte deutsche Schriftsteller W. G. Sebald war es, der die Andersch-Debatte erst so richtig befeuert hatte, und zwar mit einer überaus kritischen Abrechnung, die er 1993 in der Zeitschrift 'Lettre international' veröffentlichte. Darin kommt er zu dem Schluss, das gesamte literarische Werk von Andersch sei moralisch höchst fragwürdig und stelle sich selbst bloß, weil es auf einer Reihe von Lebenslügen basiere.

Was Sebald Andersch ganz besonders ankreidete, war sein Verhalten gegenüber seiner ersten Ehefrau Angelika, geborene Albert. Laut der Rassenterminologie der Nazis galt sie als Halbjüdin. Ihr Vater war der Inhaber der Münchner Kunst- und Verlagsanstalt Albert & Co. Andersch lernte Angelika 1933 kennen, zwei Jahre später heirateten sie. Es kam die gemeinsame Tochter Susanne zur Welt, doch bald schon begann es in der Beziehung zu kriseln. Alles lief auf eine Scheidung hinaus, die auch am 6. März 1943 von einem Landgericht in Frankfurt ausgesprochen wurde.

Ausgerechnet in dieser Zeit einer "Halbjüdin" den Schutz zu verweigern, den eine eheliche Verbindung mit einem "Arier" darstellte, das allein schon findet Sebald höchst verwerflich. Dass von all dem in "Kirschen der Freiheit" kein Wort zu lesen ist, obwohl es doch genau in den "Berichtszeitraum" des Buches fallen würde, ist für Sebald höchst symptomatisch, aber noch nicht einmal das Gravierendste. Denn noch verwerflicher als all das findet er, dass Andersch das tatsächlich an den Tag gelegte Verhalten später in seinem bekanntesten Buch "Sansibar oder der letzte Grund" ins gerade Gegenteil umdeutete. Dort ist es ein Mann namens Gregor, wieder ein ganz offensichtliches Alter ego des Autors selbst, der eine junge jüdische Frau namens Judith vor den Nazis rettet, indem er sie rechtzeitig nach Schweden bringt.

"Die Kirschen der Freiheit" wurden zum Skandal

Andersch’ spätere literarischen Arbeiten, etwa die Schulgeschichte "Der Vater eines Mörders" über seine Zeit am Wittelsbacher Gymnasium, können jedoch zur Rekonstruktion der frühen Jahre des Autors nur bedingt dienen. Allerdings ist es hochspannend, sie mit der faktischen Quellenlage zu vergleichen. Dies tut Bernhard Setzwein in seiner Sendung zu Alfred Anderschs 100. Geburtstag, indem er aufzeigt, dass es dem Autor weniger um Details als um die Darstellung eines Entwicklungsprozesses ging. An dessen Ende stand im Juni 1944 die Desertion aus der deutschen Armee. Mit der literarischen Verarbeitung dieser Erfahrung in seinem Buch "Die Kirschen der Freiheit" löste Andersch acht Jahre später einen Skandal aus.

Sendungstipps:

Literaturverzeichnis:

Romane:

  • Sansibar oder der letzte Grund. Walter, Olten 1957
  • Die Rote. Walter, Olten 1960
  • Efraim. Diogenes, Zürich 1967
  • Winterspelt. Diogenes, Zürich 1974


Erzählungen:

  • Die Kirschen der Freiheit. Ein Bericht. FVA, Frankfurt am Main 1952
  • Piazza San Gaetano. Suite. Walter, Olten 1957
  • Geister und Leute. Zehn Geschichten. Walter, Olten 1958
  • Ein Liebhaber des Halbschattens. Drei Erzählungen. Walter, Olten 1963
  • Ein Auftrag für Lord Glouster. Signal Frevert, Baden-Baden 1969
  • Tochter. Erzählung. Diogenes, Zürich 1970
  • Gesammelte Erzählungen. Diogenes, Zürich 1971
  • Mein Verschwinden in Providence. Neun neue Erzählungen. Diogenes, Zürich 1971
  • Alte Peripherie. Ausgewählte Erzählungen. Aufbau, Berlin 1973
  • Meistererzählungen. Bertelsmann, Gütersloh 1975
  • Weltreise auf deutsche Art. Eine Geschichte. Diogenes, Zürich 1977
  • Der Vater eines Mörders. Eine Schulgeschichte. Diogenes, Zürich 1980
  • Flucht in Etrurien. Zwei Erzählungen und ein Bericht. Diogenes, Zürich 1981
  • Sämtliche Erzählungen. Diogenes, Zürich 1983
  • Weltreise auf deutsche Art. Gesammelte Erzählungen. Aufbau, Berlin 1985
  • Erinnerte Gestalten. Frühe Erzählungen. Diogenes, Zürich 1986

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