Bayern 2 - Land und Leute


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Adalbert Stifter In der Schneehölle von Lackenhäuser

"Aus dem baierischen Wald" heißt Adalbert Stifters letzte Erzählung, zwei Dutzend Seiten Prosa über eine Schneekatastrophe im Jahr 1866. Ein Text mit literarischem Einfluss und Ausstrahlung bis ins 20. Jahrhundert hinein, zum Beispiel in Thomas Manns Roman "Der Zauberberg". - Bernhard Setzwein schildert die Schneehölle von Lackenhäuser, die Stifter inspirierte.

Von: Bernhard Setzwein

Stand: 21.12.2014 | Archiv

Schneesturm im Bayerischen Wald | Bild: picture-alliance/dpa

"Die Gestaltungen der Gegend waren nicht mehr sichtbar. Es war ein Gemische da von undurchdringlichem Grau und Weiß, von Licht und Dämmerung, von Tag und Nacht, das sich unaufhörlich regte und durcheinander tobte, Alles verschlang, unendlich groß zu sein schien, in sich selber bald weiße fliegende Streifen gebar, bald ganz weiße Flächen, bald Ballen, und andere Gebilde, und sogar in der nächsten Nähe nicht die geringste Linie oder Grenze eines festen Körpers erblicken ließ. Selbst die Oberfläche des Schnees war nicht klar zu erkennen. Die Erscheinung hatte etwas furchtbares und großartig Erhabenes."

(Adalbert Stifter)

Schneereiche Winter sind im Bayerischen Wald keine Seltenheit. Erst vor zwei Jahren erlebten die Menschen hier eine wahre Schneehölle. Tagelang herrschte Katastrophenalarm, Hallen stürzten unter der Schneelast ein, Höfe waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Eingeschneit in Lackenhäuser

Porträt des österreichischen Schriftstellers Adalbert Stifter (1805-1868)

Der Böhmerwalddichter Adalbert Stifter beweist geradezu thomasbernhard'sches Übertreibungstalent, wenn er behauptet: "Ich habe den vielleicht in 1000 Jahren nicht wieder vorkommenden Schneefall im bairischen Walde unter erschütternden Umständen erlebt." Das war im November 1866. Stifter wurde eingeschneit in Lackenhäuser, genauer im Landschlösschen seines Passauer Freundes und Gönners Franz Xaver Rosenberger. Das sogenannte Rosenbergergut am Fuße des Dreisessels war für den Dichter schon seit vielen Jahren ein Refugium, hier hatte er seine eigenen Räumlichkeiten im sogenannten "Ladenstöck’l", hier konnte er schreiben und sich erholen, was vor allem in seinen letzten Lebensjahren wichtig wurde, litt der Vielesser und Vieltrinker doch unter einer schweren Leberzirrhose. Er liebte Wein und Bier - und das eimer- beziehungsweise faßweise. Die arme Leber! Aber auch der arme übrige Mensch, der glaubte, mit dieser Freßsucht Gefühle von sich fern halten zu können, die tief aus seinem Inneren kamen.

"Oft tiefe Niedergeschlagenheit, gänzliche Mutlosigkeit, Verzweifeln am Genesen, Unruhe, daß man an keinem Platz bleiben kann, gegenstandlose Angst, Gemütsschwäche bis zum lauten Weinen, Gereiztheit, ein Sandkorn bringt die größte Aufregung oder plötzlichen Zorn oder ungemeine Betrübnis. Ich habe zu manchen Zeiten zu Gott das heißeste Gebet getan, er möge mich nicht wahnsinnig werden lassen, oder daß ich mir in Verwirrung das Leben nehme."

(Adalbert Stifter)

Ein magischer Landschaftsschilderer

Das Rosenbergergut spielt eine nicht unwesentliche Rolle in Stifters letztem großen Roman "Witiko". Und die Erzählung "Aus dem bairischen Walde", der allerletzte Text, den der Autor vor seinem Tod vollenden konnte, das sind eben jene zwei Dutzend Seiten Prosa, die die Schneehölle in Lackenhäuser beschreiben. Sie zeigen Stifter als geradezu magischen Landschaftsschilderer mit großem Einfluß und Ausstrahlung, immerhin ließ sich niemand anderer als Thomas Mann davon anregen zu seinem berühmten Schneekapitel im "Zauberberg"-Roman.

"Das war kein Schneien wie sonst, kein Flockenwerfen, nicht eine einzige Flocke war zu sehen, sondern wie wenn Mehl von dem Himmel geleert würde, strömte ein weißer Fall nieder, er strömte aber auch wieder gerade empor, er strömte von links gegen rechts, von rechts gegen links, von allen Seiten gegen alle Seiten, und dieses Flimmern und Flirren und Wirbeln dauerte fort und fort und fort, wie Stunde an Stunde zerrann. Und wenn man von dem Fenster weg ging, sah man es im Geiste und man ging lieber wieder zum Fenster."

(Adalbert Stifter)


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