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"Lauter Lügen" Neues "Kursbuch"

Welche neue Rolle spielen Fiktion und Lüge heute in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft? Was ist überhaupt eine Lüge? Mit diesen Fragen befasst sich das neue Kursbuch. Von Knut Cordsen

Von: Knut Cordsen

Stand: 03.03.2017

Vom „Lügenäther“ Peter Sloterdijks über die „Lügenwissenschaft“ bis hin zum „Lügentheater“, das ja auch schon auf den Bannern der Lügenbolde von Pegida zu lesen war: „Lauter Lügen“. Insofern trifft das vom Münchner Soziologen Armin Nassehi herausgegebene neue Kursbuch den Nerv der Zeit. Doch Armin Nassehi stellt der allzu leichten Kritik des Lügens zunächst einmal ein Lob des Lügens voran.

Vom Unterschied zwischen Sagen und Meinen

"Ich würde ja immer sagen, das ist ein großes Sozialisationsziel, dass Kinder irgendwann merken, dass es zwischen Sagen und Meinen einen Unterschied gibt, also wenn die in die Schule gehen, dann lernen die als Erstes, dass Lehrer andere Sätze hören wollen als die Mitschüler und Eltern noch mal wieder andere Sätze hören wollen und die Großeltern noch mal andere Sätze, was ja ein Hinweis darauf ist, dass die Sätze nicht nur unterschiedliche Bedeutung haben, sondern man auch Sätze zurückhalten kann, dass man Sätze womöglich so formulieren muss, dass sie beim entsprechenden Publikum ankommen. D.h., lügen zu können ist eigentlich ein wunderbares Potential, das natürlich an Sprache gebunden ist, an die innere Sprache unseres Denkens und die äußere Sprache unseres Sprechens, und ich glaube, dass das ganze Thema der Kritik der Lüge damit zusammenhängt, dass wir uns gegenseitig nicht in die Köpfe gucken können, was ein großer Segen ist, weil wir dann gar nicht wüssten, ob wir überhaupt noch miteinander reden würden."

Armin Nassehi

Donald Trump - der Fürst der "alternativen Fakten"

Wer mit Armin Nassehi über die vielen interessanten Essays im „Kursbuch“ redet, kommt natürlich nicht um den wohl größten Lügenmärcherzähler herum: um Donald Trump, den Fürsten der „alternativen Fakten“, der das Lügen nicht allein hoffähig gemacht hat, sondern zur Verblüffung aller geradezu stolz vor sich trägt.

"Wer öffentlich lügen kann, demonstriert auch, dass er es einfach kann. Wenn jemand wie Trump hingehen kann und sagen kann, Impfen produziert Autismus, dann weiß eigentlich fast jeder, dass das Unsinn ist, aber er kann es in seiner Position behaupten; oder wenn er sagen kann ‚Den Klimawandel gibt es nicht, das ist eine Erfindung von Ökonomen und Wissenschaftlern, um bestimmte Dinge zu erreichen‘, dann weiß jeder, dass das falsch ist, aber er kann es trotzdem sagen, und das ist die neue performative oder strategische Bedeutung der Unwahrheit."

Armin Nassehi

Der "Kulturkampf um Sagbarkeiten"

Letztlich, so schreibt es Armin Nassehi in seinem Beitrag zum „Kursbuch“, muss man derzeit von einem „Kulturkampf um die Sagbarkeit von Sätzen“ sprechen.

"Ich glaube, es ist ein Kulturkampf zwischen zwei unterschiedlichen Lagern. Das eine Lager,  man könnte vielleicht sagen das linksliberale Establishment, um es negativ zu formulieren, das sind wahrscheinlich wir, die mit Abweichung umgehen können, mit Komplexität, die es begrüßen, wenn man auch andere Auffassungen vorfindet, die letztlich Abweichung verstärken wollen, Kosmopoliten sind, die sich bereichert fühlen durch etwas Anderes. Und die Anderen sind die, die, wenn man es negativ formuliert, die eher kleinbürgerlich Eindeutigkeit haben wollen. Und zwischen dieser pluralismusverliebten und eindeutigkeitsverliebten Sagbarkeitsform gibt es im Moment einen großen Kampf und Kulturkampf, deshalb ist es ein Kampf um Sagbarkeiten."

Armin Nassehi

Verfälschen ist das Vorrecht der Kunst

Was die Lektüre der klugen Beiträge von Matthias Hansl, Cord Riechelmann, Jan-Werner Müller u.v.a. zeigt, ist die ungebrochene Aktualität Carl Schmitts, der das Hirngespinst vom „authentischen Volksgeist“ in die Welt setzte. Wie man mit diesem Freund-Feind-Denken - hier das Volk, da die verlogene Elite -  umgehen soll, diese Frage freilich bleibt unbeantwortet. Manche sehen in einem Populismus von links die Antwort, doch sieht man auf einen linken Populisten wie den italienischen Politiker Beppe Grillo und dessen Rede vom „Killerjournalismus“, dem Pendant zur deutschen Lügenpresse, so muss man auch den sofort ablehnen. Das Problem besteht auch für Armin Nassehi, dass man rechts wie links behauptet: „Wer vermittelt, der verfälscht.“ Das Verfälschen aber ist das Vorrecht der Kunst. Auch die ist im neuen Kursbuch zu sehen in Form von fake photography von Walter Schels. In Porträtbilder unterschiedlicher Personen hat Schels das immerselbe Antlitz eines Neugeborenen hineinmontiert. Ein verstörender Anblick. Aber Lügenfotografie? Mitnichten.

"Wahrscheinlich hat das mehr Wahrheitsgehalt als eine naturalistische Abbildung. Was im Übrigen ein Hinweis darauf ist, dass die Kunst, weil sie die Welt verfälscht, die Welt am besten so darstellen kann, wie ist. Deshalb hassen übrigens gerade Rechtspopulisten die Kunst so sehr."

Armin Nassehi

 


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