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"Auf der Jagd - Wem gehört die Natur?" Ein kluger Film-Essay über das Töten

Die Jagd in Deutschland ist streng reguliert. Abschussquoten werden nach sogenannten Verbissgutachten festgelegt - und den Gewinninteressen der Forstwirtschaft. Alice Agneskirchner hat einen klugen Film über ein komplexes Thema gedreht.

Von: Markus Aicher

Stand: 11.05.2018

Auf der Jagd - Wem gehört die Natur? - Szene aus dem Film | Bild: NFP

"Wir haben in Deutschland eines der wildreichsten Länder der Welt", sagt Alice Agneskirchner. "Uns ist aber gar nicht bewusst: Wie ist das mit dem Wildtier eigentlich geregelt? Und weil ich das nicht wusste, habe ich mich aufgemacht." Die Regisseurin, die heute in Berlin lebt, ist am Tegernsee aufgewachsen. Umgeben von Natur, von Wäldern und Bergen. In "Auf der Jagd – Wem gehört die Natur?" widmet sie sich eben diesen Wäldern und Bergen, den Hängen und Wiesen, den Fluren und Auen. Und denen, die dort angestammt leben. Und denen, die sie jagen.

Das Wild in Konkurrenz zu Forst- und Landwirtschaft

"Das ist oft gar nicht so sehr so, dass die Jäger die Tiere in einer großen Zahl abschießen wollen", so Agneskirchner, "sondern das ist der Forst. Die Forstwirtschaft, die in Deutschland zu einem großen Prozentsatz staatlich geregelt ist, hat auch eine Gewinnverpflichtung. Und das führt natürlich dazu, dass die sehr stark wollen, dass der Wald so wächst, wie sie denken, er wäre am besten verwertbar. Es werden flächendeckend immer wieder Verbissgutachten erstellt, und die bestimmen die Abschussquote."

Wald, Hochsitz, Jäger: Szene aus "Auf der Jagd"

Die Abschussquote, so hat Alice Agneskirchner recheriert, ist in den letzten 50 Jahren nur gestiegen, nie gesunken. Für ihren beeindruckenden Film, der zwischen solidem Dokumentarfilm und klugem Essay über das Töten und die Vermessung der Landschaften pendelt, hat sie Jäger und Jägerinnen interviewt und begleitet. Auf Hochsitze, zur Treibjagd. Hat mit Förstern gesprochen, mit einer Wolfsforscherin in Brandenburg und kanadischen Indianer-Frauen, bei denen die Jagd ganz andere Motivationen und rituelle Ursprünge hat als bei uns. Und sie begleitet eine klassische Trophäenschau in der Oberlandlandhalle im oberbayerischen Miesbach, wo die aufgehängten Krickerl und eindrucksvollen Geweihe in Reihen platziert sind.  Die Jagd ist heute in Deutschland weit entfernt von blutrünstigem Geballere, sie ist ein kompliziertes Regelwerk mit klaren Verwaltungsvorschriften und eingebunden in ein engmaschiges Regulierungssystem. Quoten werden festgelegt – und müssen eingehalten werden. "Wenn man weiß, warum man das macht, dann macht es auch Freude", sagt ein Jäger in Agneskirchners Film. "Man weiß ja, man hat nichts Unrechtes getan. Es ist besser so, als wenn das Wild zu viel wird und aufgrund der Überpopulation krank wird. Wir versuchen, die soziale Struktur zu erhalten.“

Natur als Kapital - oder als schützenswerter Raum?

"Auf der Jagd" konzentriert sich im Laufe des Films zusehends mehr auf den zweiten Teil des Titels: "Wem gehört die Natur?" Wie gehen wir mit ihr um? Geht es um Kapitalertrag im ureigenen kapitalistischen Sinne – oder sollten nicht eher ethische, moralische und erhaltende Motive im Vordergrund stehen? Immer wieder hinterfragt Agneskirchner ohne eindimensional-naiven Tierschutzgedanken die bestehende waidmännische Grundordnung. Und die Folgewirkungen der heutigen Landwirtschaft, die die Lebensräume für Wild konsequent einengt: "Letztendlich vertreiben wir die Wildtiere mit dem, was wir anbauen wollen."

Jäger im Gebirge

Gerade am Beispiel der Gämsen in den bayerischen Hochalpen und der Schutzwaldverordnung macht Alice Agneskirchner das Dilemma deutlich. Denn die genügsamen Tiere fressen eben auch gerne mal frische Baumtriebe. Und hier beginnt der Konflikt. Das deutsche Waldgesetz stellt den Schutz der Bäume immer nach dem Grundsatz "Wald vor Wild" über den Tierschutz. 60 Prozent der bayerischen Bergflächen aber sind Schutzwald, von denen noch einmal 15 Prozent komplett schonzeitbefreit sind.  Das heisst, dass in eben diesen Wäldern Gämsen ganzjährig zum Abschuss freigegeben sind. Und die Quoten haben die Gämsen derart in Bedrängnis gebracht, dass sie in den Alpen auszusterben drohen. Weil zu viele junge Tiere geschossen werden, sind die Gämsgruppen nicht mehr in der Lage, die Fortpflanzungsraten auf dem aktuellen Stand zu halten. Die Folge: Ihr Verschwinden ist programmiert, da die Jäger an die Abschussvorgaben des Landwirtschaftsministeriums gebunden sind. Ein manchmal kafkaesk anmutender Kreislauf, den die Filmemacherin undogmatisch und mit ruhigen Naturaufnahmen darstellt. Ein klug montierter Film in ruhigem Duktus, der zum Nachdenken anregt – ohne Partei zu ergreifen, was Alice Agneskirchner ganz wichtig war.