Bayern 2 - Kulturjournal


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"Die Erfindung des Terrorismus" Die Historikerin Carola Dietze über Osama Bin Ladens Vorläufer

Fast 150 Jahre vor 9/11, das sich heute zum 15. Mal jährt, haben Felice Orsini und John Brown den Terrorismus als Taktik politischen Handelns erfunden. Orsini mit seinem Attentat auf Napoleon III., durch das er die Einheit eines demokratischen Italien herbeiführen wollte, und John Brown mit dem Überfall auf Harpers Ferry, durch den er das Ende der Sklaverei einläuten wollte. Die Historikerin Carola Dietze widmet den zwischen 1858 und 1866 gewaltsam agierenden Vorläufern Osama bin Ladens eine hochinteressante Studie.

Von: Iris Buchheim

Stand: 07.09.2016

Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858-1866 | Bild: Hamburger Edition

Felice Orsini (1819-1859), Rechtsanwalt von Beruf, 1848 zum Mitglied des Parlaments gewählt, kämpft schon früh und in verschiedenen mehr und weniger offiziellen Organisationen für ein freies, demokratisches und vor allem einheitliches Italien. Vergebens. Als er in seinem Londoner Exil schließlich alle Macht und Einflussmöglichkeit zerfließen sieht, verfällt er auf die Idee des Terrorismus: Er plant mit ein paar Mitstreitern ein spektakuläres Bombenattentat auf Napoleon III.. Napoleon und seine Frau kommen trotz massiver Detonation mit dem Leben davon, aber viele andere Menschen sind verletzt, einige sterben. Orsini bekommt vor Gericht die Chance, sein Anliegen öffentlich zu machen und stellt seine Motive für die Gewalttat - auch in Briefen an Napoleon III. - so beeindruckend dar, dass alle trauern, als er schließlich hingerichtet wird. Viel von dem, was Felice Orsini mit seinem Attentat bezweckte, hat Napoleon III. hinterher realisiert. Revolutionäre - nicht nur in Europa - feiern Orsini als Märtyrer.

"Felice Orsini ist der erste, der erfolgreich spektakuläre symbolische Gewalt eingesetzt hat, und bei dem die Gewaltbotschaft medial verbreitet wurde und eine ganz besonders starke Wirkung entfaltet hat. Und von daher halte ich ihn für die Person, die den Terrorismus erfunden hat - in Kooperation mit seinem Opfer Napoleon III."

Carola Dietze im Kulturjournal-Gespräch mit Ulrich Chaussy

John Brown greift zur Gewalt - und gibt ein Interview

John Brown und Felice Orsini

Die Nachricht von Orsinis revolutionärem Eifer und seinem Attentat auf Napoleon III. macht auch in den USA die Runde - vor allem unter den Abolitionisten. Einer von ihnen ist der 1800 in Torrington, Connecticut geborene John Brown. Auch er ist alles andere als ein geborener Terrorist: Lebenslang kämpft der tief religiöse Mensch auf politischem Weg für die Abschaffung der Sklaverei, dafür, dass sich das Freiheits-Versprechen der Amerikanischen Revolution in der Lebensrealität aller - auch der Sklaven - manifestiert. Irgendwann resigniert er und organisiert mit seinen Verbündeten den spektakulären Überfall auf das Arsenal und die Waffenfabriken in Harpers Ferry, um die politische Blockade zu durchbrechen und den offenen Krieg gegen die Sklaverei zu erzwingen. Der Überfall misslingt, aber noch bevor Brown vor Gericht für seine Taten zur Verantwortung gezogen wird, gibt er ein Interview, das in die amerikanische Geschichte eingeht: Der Konflikt zwischen dem Norden und den Südstaaten vertieft sich und mündet im Bürgerkrieg. John Brown wird erhängt - aber durch seine geschickte Begründung der skrupellosen Tat in den Medien und vor Gericht erreicht er sein politisches Ziel.

Terrorismus ist eine Kommunikationsstrategie

Medien sind der "Sauerstoff" des Terrorismus, sagte Margaret Thatcher einmal. Carola Dietze kann die beiden - von den Terroristen aus gesehen - nicht geglückten Anschläge zur Invention des Terrorismus erklären, weil Terrorismus primär als Kommunikationsstrategie seine Macht entfaltet - und zwar über Ländergrenzen und Kontinente hinweg. Die - proportional zur Symbolkraft der Gewalttaten erscheinenden Berichte über die Tat haben länderübergreifende Auswirkungen, Dietze zeigt, dass John Brown in den USA durch Berichte über das Pariser Attentat von Orsini beeinflusst wird und dessen Taktik modifiziert weiterführt.

"Die Vermutung liegt nahe, dass solche Berichte über die psychologischen und politischen Folgen des Attentats in Europa – und das heißt: über die Aufmerksamkeit, Sympathie und Angst, die es zu generieren imstande war, sowie über die Repression und Eskalation als Folge – der entscheidende Anstoß für Browns neues Kalkül zur Wirkungsweise der Gewaltaktion und damit zu ihrer Neuplanung gewesen sein könnte."

 Carola Dietze in Erfindung des Terrorismus.

Vorläufer Osama Bin Ladens?

Osama bin Laden

Anders als John Brown und Felice Orsini, die lange ohne alle Gewalt für ihre politischen Ziele kämpfen und den symbolträchtigen Terroranschlag erst in Angriff nehmen, als sie sich politisch völlig blockiert finden, agiert Osama Bin Laden. Er versucht es nicht auf politischem Weg, sondern greift mit seinen Anhängern zur spektakulären äußerst medienwirksamen Gewalttat. Die Eskalationsstrategie aber ist dieselbe wie bei Orsini und Brown: Worauf alles ankommt ist die Berichterstattung über die Tat, die öffentliche Begründung der Gewalt und die kalkuliert provozierte Reaktion darauf.

Gibt es eine Hoffnung, dass der - in unserem Jahrhundert entsetzlich eskalierende - Terrorismus als politische Strategie überflüssig wird? Unter gewissen Bedingungen ja:

"Wenn Krieg wieder eingedämmt werden kann und wenn wieder eine stärkere politische Legitimation der internationalen Ordnung gegeben ist, wird auch der Terrorismus wieder obsolet werden als Taktik politischen Handelns."

Carola Dietze im Kulturjournal-Gespräch mit Ulrich Chaussy

Kulturjournal

Carola Dietze: "Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858 bis 1866", 700 Seiten, Hamburger Edition, 42 Euro

Ulrich Chaussy spricht mit Carola Dietze über das Buch: Sonntag, 18.05 Uhr im Kulturjournal auf Bayern 2


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