Bayern 2


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Landwirtschaft Retro oder Zukunft? Kühe auf der Weide

Höchste Milchleistungen sind mit der Weide nicht zu erzielen. Trotzdem kann sie die wirtschaftlichere Alternative für Bauern sein. Die Weide liefert, wenn das Management stimmt, das günstigste Futter.

Von: Ursula Klement, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 19.06.2019

Kühe auf der Weide - das ist wohl die Haltungsform, die dem Wesen der Tiere am meisten gerecht wird. Man kann sie als naturnah bezeichnen, wie es in einem Standardwerk über den Tierschutz heißt.

"Was auffällt, wenn sie auf der Weide sind: Entweder fressen fast alle oder sie liegen alle. Die haben da auch so ihren Fress- und Ruhe-Rhythmus. Und wenn nichts Besonderes ist, wenn keine rindert oder so, die haben ja ihren stabilen Herdenverband, ihre Rangordnung. Und wenn‘s Futterangebot passt und die wissen, sie werden satt, dann ist da absolut Ruhe."

Richard Haneberg, Landwirt

Und doch zählt Bayern weidemäßig zu den Schlusslichtern. Im Bundesdurchschnitt durfte dagegen fast jede zweite Kuh auf die Weide, in Nordrhein-Westfalen sogar acht von zehn Kühen.

Kühe wollen auf die Weide

Kanadische Wissenschaftler haben bewiesen, dass Kühe auf die Weide wollen. In einem Versuchsstall wurde ein Gatter mit einem erhöhten Widerstand eingebaut. Das mussten die Kühe wegdrücken, wenn sie nach dem Melken zum Futterstand wollten oder ins Freie auf die Weide. In diesem Versuch hat sich herausgestellt, dass die Kühe genauso viel Kraft einsetzen, nur um auf die Weide zu kommen.

Verschiedene Weidesysteme werden derzeit praktiziert

Wächst da vielleicht Ampfer?

Auf der Standweide ist das Vieh den ganzen Sommer über auf einer großen Fläche. Es gibt aber auch die sogenannte Stundenweide; da kommen die Kühe zweimal täglich für drei Stunden jedes Mal auf eine neue kleine Fläche. Die dritte Form ist die Kurzrasenweide; dabei handelt es sich um eine Weidefläche, die im Lauf des Sommers immer weiter vergrößert wird, weil Monat für Monat das Gras langsamer wächst. Die Fläche soll aber immer nur so groß sein, dass die Kühe das Gras möglichst kurz abfressen, damit ständig junges Gras nachwächst.

Was fressen die Kühe auf der Weide am liebsten?

Kühe mögen eine bunte Mischung. Gern gefressen werden Gräser wie Wiesenrispe und Weidelgras, Löwenzahn natürlich oder Weißklee. Kühe mögen auch alle Kräuter - außer Ampfer und Hahnenfuß.

Kühe auf der Weide fressen täglich bis zu 70 Kilogramm Gras und Kräuter - so steht es zumindest im Lehrbuch. Von der Energie her reicht das für 15 Liter Milch, vom Eiweißgehalt her für 24 Liter. Das ist für das heutige Milchvieh nicht mehr genug. Deshalb füttern die Bauern zu, damit eine ausgewogene Ration entsteht.

Der Kuhfladen als Biotop

Kuhfladen mit Dungfliegen

Ein Kuhfladen auf der Weide ist ein kleines Biotop. Er bietet erst unzähligen Mikroorganismen, Dungfliegen und Dungkäfern Nahrung und Brutstätte. Später kommen Vögel und bedienen sich an den Insekten.

Weidewirtschaft fördert nicht nur die Artenvielfalt, sie ist auch gut für den Klimaschutz. Denn die Kuh macht alles selber, wozu sonst der Traktor, Maschinen und Treibstoff gebraucht würde: Sie holt sich ihr Fressen, und sie düngt. Das spart fossile Energie und Ressourcen, mindert die Freisetzung von Feinstaub, Kohlendioxid sowie Ammoniak, macht kaum Lärm und keinen Plastikmüll aus alten Siloplanen.

Auch die Menschen freuen sich über Kühe auf der Weide

Tiere auf der Weide beseelen die Landschaft. Davon profitiert nicht zuletzt auch der Tourismus. Die bayerischen Tourismusverbände lassen für die Bauern BR-Recherchen zufolge aber nichts springen, wenn die ihre Kühe auf die Weide lassen. Das Landwirtschaftsministerium zahlt dagegen schon: 50 Euro pro Jahr für jede Kuh, die mindestens vier Monate auf die Weide darf. Auch manche Molkereien gewähren den Landwirten einen Zuschlag aufs Milchgeld.

Von wegen Weide!

Label von Pro Weideland

Der Begriff "Weidemilch" auf einer Milchpackung heißt noch lange nicht, dass sie von weidenden Kühen stammt. Nur wenn sich ein Milcherzeuger auf das "Pro-Weideland-Label" beruft, kann der Kunde sicher sein, dass die Kühe vier Monate lang mindestens sechs Stunden pro Tag auf die Weide dürfen.

Linktipps

Praktikertag "Rund ums Milchvieh", 17.07.19, 09.30 bis 17.00 Uhr
(freier Eintritt)
Hofgut Rengoldshausen
Rengoldshauserstr. 29, 88662 Überlingen
www.hornkuh.de

Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg/Tiergesundheitsdienst Freiburg
Witterungseinflüsse bei der Weidehaltung von Nutztieren

Landesanstalt für Landwirtschaft Bayern
Tierernährung: Grünland- und Weidenutzung

Pro Weideland
www.proweideland.eu


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