Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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27. Mai 1903 Touristin in New York sticht Grabscher mit Hutnadel

Wenn man von den Waffen der Frau spricht, meint man in der Regel nicht diese: Die Hutnadel. Früher aber war die Hutnadel die Standardwaffe der Frauen, nicht um zu verführen, sondern zur Verteidigung. Autorin: Ulrike Rückert

Stand: 27.05.2020 | Archiv

27 Mai

Mittwoch, 27. Mai 2020

Autor(in): Ulrike Rückert

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Leoti Blaker rutschte in die Ecke der Sitzbank, als der gutangezogene ältere Mann neben ihr immer dichter heranrückte. Vielleicht war es ja keine Absicht, es war eng im vollbesetzten Pferdeomnibus auf der New Yorker Fifth Avenue. Aber als er seine Hand um ihre Taille schob, hatte sie genug. Rasch fasste sie an ihren Hut und bohrte ihm dann mit aller Kraft ihre Hutnadel in den Arm. Sein Schmerzensschrei ließ alle Köpfe herumfahren.

"New Yorker Frauen lassen sich das vielleicht bieten – Mädchen aus Kansas nicht!", verkündete die junge Touristin. Am 27. Mai 1903 machte sie damit Schlagzeilen in einem New Yorker Abendblatt.

So nicht!!!

Es folgte eine Flut von Berichten über ähnliche Vorfälle im ganzen Land. Die vermeintlich fragilen Frauen, auf männlichen Schutz angewiesen, entpuppten sich als äußerst wehrhaft – dank der dreißig Zentimeter langen Stahlspieße, mit denen sie ihre Wagenradhüte in der Frisur feststeckten.

Um 1900 nahmen sich Frauen eine Freiheit, die für frühere Generationen undenkbar war: sie gingen, wohin sie wollten. Zum Schaufensterbummeln, zur Arbeit in Büros, Geschäften und Fabriken, zu Konzerten und politischen Versammlungen und auf Reisen. Dabei machten sie Bekanntschaft mit einem anderen neuen Massenphänomen: den Glotzern und Grabschern, die Frauen ohne männliche Begleitung als Freiwild behandelten.

Im Falle des Falles die Hutnadel gezückt!

Die Mode der Belle Epoque – mit strammen Korsetts und langen Röcken mit Schleppe – machte Frauen zu Gehbehinderten am Rande einer Ohnmacht, aber mit der Hutnadel, diesem hübsch verzierten Accessoire, gab sie ihnen unversehens eine Waffe an die Hand.

Und sie benutzten sie.

Sie hielten sich damit Zudringlichkeiten vom Leibe, schlugen Räuber in die Flucht und retteten gelegentlich Männer vor Schlägern. In New York gingen demonstrierende Fabrikarbeiterinnen mit Hutnadeln auf Polizisten los. In Chicago duellierten sich zwei Frauen auf offener Straße. Ein Mann wurde mit vorgehaltenen Hutnadeln ausgeraubt. In England verbot ein Richter Hutnadeln im Gerichtssaal, aus Angst, von Suffragetten damit attackiert zu werden.

Um 1910 herrschte weltweit Hutnadelalarm. "Der Kreuzzug gegen die Hutnadel hat begonnen", verkündete ein amerikanisches Blatt. Wehrlose Männer müssten beschützt werden. Hutnadeln wurden als Gefahr für die öffentliche Sicherheit gebrandmarkt. Horrorgeschichten kursierten von Unfällen im Gedränge, von ausgebohrten Augen, und aufgeschlitzten Gesichtern. Städte von Berlin bis Sydney erließen Hutnadelverbote.

Frauenrechtlerinnen erklärten, die Frauen ließen sich nicht ihrer einzigen Verteidigungswaffe berauben. Wenn Männer sie ihnen wegnehmen wollten, müssten sie zuerst die Straßen sicher machen. In Zürich wurden an einem Tag hundertzehn Geldstrafen gegen obstinate Hutnadelträgerinnen verhängt, in Sydney gingen sechzig Frauen lieber ins Gefängnis, als ihre Hutnadeln abzulegen.

Und dann war es plötzlich vorbei – was den Männern nicht gelang, vollbrachte die Göttin Mode. Sie nahm, was sie gegeben hatte: Die Riesenhüte waren out, und damit die Hutnadeln.


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