Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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1. März 1953 Stalins letztes Abendessen

Als der Diktator Josef Stalin in der Nacht des 1. März 1953 einen Schlaganfall erlitt, traute sich niemand, ihn zu behandeln - so sehr war seine Umgebung an Duckmäusertum gewöhnt. Nach vier Tagen starb Stalin den Erstickungstod.

Stand: 01.03.2010 | Archiv

01 März

Montag, 01. März 2010, 09:50 Uhr

Autor: Rainer Volk

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

Es muss beängstigend gewesen sein. Gegen Mittag hatte der Hausherr noch vom Schlafzimmer aus per Knopfdruck ein Signallicht in die Küche gegeben: "Tee machen!" Dann nichts, stundenlang. Kein Geräusch - und erst recht nicht der Befehl: "Tee reinbringen!" Die Diener in der Datscha von Kuntsewo unweit von Moskau machte die Atmosphäre zunehmend ratlos und ängstlich. Und auch die Leibwache - Soldaten des Innenministeriums - war überfordert: In den 25 Jahren Tyrannei dieses georgischen Schustersohns hatten sie Schweigen und Ducken als Überlebensstrategie gelernt. So fand erst gegen 11 Uhr abends ein Offizier den Mut, die Privaträume des Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, zu betreten und fand ihn auf dem Boden liegend. Der Pyjama war von Kot verschmutzt, neben im lag eine Ausgabe der "Prawda", auf dem Tisch stand eine Flasche Mineralwasser Marke "Borschomi". Stalin versuchte zu sprechen, brachte aber nur eine Art Summen heraus - ein Schlaganfall hatte ihn halbseitig gelähmt. Keiner aus dem Politbüro, dem innersten Führungszirkel von Partei und Staat, war darauf vorbereitet.

Nikita Chruschtschow, der zu diesem Kreis gehörte, berichtete später, am Abend zuvor - es war der 1. März 1953 - sei Stalin noch munter gewesen und milde gestimmt und führte das auf den Genuss einiger Wodkas zurück. Man habe gegessen, sich Filme angesehen, einmal mehr Stalins Geschichten von früher angehört, vorsichtshalber erneut an den richtigen Stellen gelacht - und sei um vier Uhr früh auseinander gegangen. Doch beginnt die Tragik - und Ironie - in Josef Stalins letzten Stunden erst jetzt, nach der Entdeckung seines Zustands. Es dauerte nämlich weitere Stunden, bis sich die obersten Diadochen des Regimes einig waren, was zu tun sei. So sehr hatten Malenkow, Bulganin, Molotow und Chruschtschow die Jahrzehnte des Terrors und des Tyrannen-Zorns verinnerlicht, dass sie jede Initiative scheuten. Erst Lawrentji Berija, der Zynischste und Gerissenste der kleinen Runde, den diese Eigenschaften zum Patron des sowjetischen Geheimdiensts hatten aufsteigen lassen, brachte Schwung in die Lebensrettungsaktion.
Und noch ein zweiter Aspekt sollte auf den Diktator zurückschlagen: Ende 1952 hatte der krankhaft misstrauische Despot eine Verhaftungsaktion gegen führende Ärzte des Landes, vor allem solche mit jüdischen Ahnen, befohlen.

Diese letzte Terror-Welle des Stalinismus, von den gleichgeschalteten Medien mit einem angeblichen Ärztekomplott begründet, sorgte dafür, dass die herbeigerufenen Spezialisten aus Furcht vor Fehlern lediglich Blutegel setzten und kühl die Symptome des Georgiers festhielten. So erfuhren die Sowjetbürger und die Welt erst nach drei Tagen, Stalin ringe mit dem Tode. Und tags darauf meldete der Moskauer Rundfunk zu getragener Trauermusik:

Am 5. März 1953 ist nach schwerer Krankheit der Vorsitzende des Ministerrats der Sowjetunion und der Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Josef Wissarionowitsch Stalin, gestorben.

Die Wahrheit war grausamer: Morgens hatte Stalin stark geschwitzt, Gesicht und Lippen wurden schwarz - er erstickte buchstäblich. Seine Tochter Swetlana, die zugegen war, schrieb später in bemerkenswerter Distanz, sein Sterben sei furchtbar und schwer gewesen. Den Gerechten gebe Gott einen leichten Tod.

Beim bombastischen Staatsbegräbnis in Moskau vier Tage später war das Gedränge so groß, dass es über einhundert Tote gab. Es sollte noch drei Jahre dauern, bis Nikita Chruschtschow in einer spektakulären Rede die Verbrechen der Stalin-Zeit offen ansprach. Die Zahl der Toten dieser Ära ist jedoch bis heute ungeklärt. Seriöse Wissenschaftler vermuten, sie liege zwischen 12 und 20 Millionen.


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