Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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27. Juli 1984 Stadt Livorno birgt vermeintliche Modiglianis aus einem Kanal

Lange musste Amedeo Modigliani als Künstler auf Erfolg warten. Später sollte der Itali-ener allerdings so berühmt werden, dass man ihn gerne fälschte. Was einfach ging – bei seiner Art von Kunst. Autor: Hellmuth Nordwig

Stand: 27.07.2020 | Archiv

27 Juli

Montag, 27. Juli 2020

Autor(in): Hellmuth Nordwig

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Ein halbes Jahrhundert später, da hätte Amedeo Modigliani sich wahrscheinlich zur Beat Generation gerechnet. Doch während des Ersten Weltkriegs ist er einfach ein Exzentriker in Paris. Konsumiert reichlich Drogen und Alkohol und malt, vor allem weibliche Akte. Auch Stein behaut er: Es entstehen grotesk lange Gesichter fast ohne Details. Signiert wird längst nicht alles - der Kunsthandel der Nachwelt wird deshalb oft nicht wissen, ob ein Werk wirklich von Modigliani ist. Aber vorerst ist der junge Mann sowieso alles andere als ein anerkannter Künstler.

Brotlose Kunst

Mehrmals muss er wegen Mietschulden aus seinen Pariser Wohnungen fliehen und hinterlässt mangels Geld einfach ein paar Werke. Macht die Provenienzforschung, wie man heute sagt, auch nicht leichter. Die setzt erst nach seinem frühen Tod ein, als die Nachwelt erkennt, was sie an ihm nun nicht mehr hat.

1984 jährt sich Modiglianis Geburtstag zum hundertsten Mal. Und im Museum für moderne Kunst in seiner Heimatstadt Livorno bereitet die Kuratorin Vera Durbé (durbäh, auf der zweiten Silbe betont) die Ausstellung "Der andere Modigliani" vor. Sie soll nicht nur den mittlerweile berühmten Maler zeigen, sondern auch den Schöpfer der Skulpturen ins Rampenlicht rücken, die bis dahin kaum bekannt sind. Doch Vera Durbé kann trotz großer Mühe nur vier Steinköpfe von ihren Besitzern leihen. Aber die Dame erinnert sich an ein Gerücht aus ihrer Kindheit: Während eines Aufenthalts in Livorno habe Modigliani einige Skulpturen geschaffen, mit denen er nicht zufrieden gewesen sei. Deshalb habe er sie im Fosso Reale versenkt, einem wassergefüllten Graben in dem Viertel, mit dem die Medici seinerzeit einen Hauch von Venedig in die toskanische Hafenstadt bringen wollten.

Versenkte Kunstschätze?

Dieser Stadt wiederum ist zum Hundertsten ihres Sohnes nichts zu teuer: Ein Schwimmbagger durchwühlt den schlammigen Grund des Fosso Reale - rostige Fahrräder tauchen auf, sogar ein Sofa, aber eine Steinskulptur? Fehlanzeige. Erst am achten Tag, es ist der 27. Juli 1984, stößt der Baggerführer auf etwas Hartes im Schlick. Und siehe da: Ein Frauenkopf. Und dann noch ein zweiter, ein dritter. Kein Zweifel: Langgezogene Gesichter, einfaches Relief ohne Details, und aus dem gleichen Granit von der Insel Elba gehauen wie die anderen Skulpturen. Italiens beste Kunsthistoriker wiegen die Köpfe über den Köpfen, schließlich muss man aufpassen bei Modigliani, doch sie sind sich einig: Ja, die sind echt.

Die Besucher sind begeistert, bis zu einer Sendung der RAI einige Wochen später. Da führen drei Studenten vor laufender Kamera vor, wie sie mit Meißel und Bohrmaschine aus Elba-Granit einen echten Modigliani hinbekommen. Ein Scherz sei das Ganze gewesen: Die Kuratorin habe so verzweifelt gefahndet, da hätten sie halt ein paar Köpfe im Kanal versenkt.

Übrigens hat sich Anfang 2020 der Todestag von Amedeo Modigliani zum hundertsten Mal gejährt. Natürlich hat die Stadt Livorno es sich nicht nehmen lassen, eine große Ausstellung zu organisieren. Unbekannte Werke waren dieses Mal aber nicht dabei.


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