Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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16. Oktober 1913 Shaws "Pygmalion" wird uraufgeführt

Die Briten kommen in Shaws "Pygmalion" schlecht weg, deshalb setzte man für die Uraufführung am 16. Oktober 1913 lieber auf Wien. Doch auch die sind empört, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Autorin: Susi Weichselbaumer

Stand: 16.10.2020

16 Oktober

Freitag, 16. Oktober 2020

Autor(in): Susi Weichselbaumer

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Julia Zöller

Man kann sich vieles schön reden. Das heißt aber nicht, dass man auch schön spricht - präziser: phonetisch akkurat artikuliert. In Deutschland gilt: Reines Hochdeutsch richtet sich nach Hannover und Umgebung - im Rest der Republik wohnen die wüsten und wilden Wörter. Zumindest erklären einem das einschlägige Ratgeber zur Sprecherziehung, geben aber Hoffnung: Hannoversch und damit Gesamtdeutsch wie Dudenrichtig lässt sich lernen.

Das tief unten im Kehlkopf sitzende bayerische "A" - "In der Nacht bei acht Grad" - soll da leicht und luftig gehoben werden in Richtung Gaumenzäpfchen  - "Barbara saß nah am Abhang". Weil "fünf" nicht "fümpf" ist, wiederholen wir: "Auf der A5 zwischen Fünferstadt und Fünfhausen kommt Ihnen bei Kilometer 55 ein 55-Tonner entgegen". Aufgeben gilt nicht, denn: "Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid".

Publikum empört

Apropos Blaukraut und Brautkleid: Dass Liebe nicht nur durch den Magen geht, sondern es dabei auf jeden Zungenschlag ankommt - genauer auf jede Silbe, wissen wir spätestens seit dem 16. Oktober 1913. An dem Tag wird George Bernard Shaws "Pygmalion" uraufgeführt, und zwar am Burgtheater in Wien - auf Deutsch. Dem britischen Publikum traut man eine Premiere nicht zu - es wäre wohl wenig amused, denn schonungslos prangert Shaw die Standesdünkel seiner Landsleute an. Klassenzugehörigkeit korreliert in Großbritannien mit Sprachkompetenz. Vor diesem Hintergrund erzählt der Dramatiker die Geschichte des versnobten Phonetikprofessors Henry Higgins. Der geht eine Wette ein, in kürzester Zeit aus einem einfachen Blumenmädchen eine Herzogin zu machen. Die Strategie: Er bringt ihr den Akzent der feinen Londoner Gesellschaft bei. Außerdem erhält Eliza Doolittle, das Blumenmädchen, neue Kleider, Unterricht in Umgang und Benimm - und müht sich, dem verknöcherten Wissenschaftler menschlich näher zu kommen. Der hat mit Menschelndem nichts am Hut. Higgins will seine Kunstfigur perfektionieren.

Das gelingt: Beim Gartenfest, beim Dinner wie in der Oper geht Eliza schließlich als High Society Lady durch. Die Wette ist gewonnen; allerdings nur für Higgins. Die unglücklich verliebte junge Frau fühlt sich ausgenutzt; menschlich nicht beachtet. Sie verlässt den alten Eigenbrötler. 

Brautkleid bleibt Brautkleid

Das Publikum ist empört. Nicht allein über die durchaus derben Ausdrücke, die der irisch-britische Autor seinen Figuren in den Mund legt und die in der deutschen Übersetzung für die Uraufführung in Wien nicht weniger ungehobelt daher kommen als im englischen Original. Was die Leute wirklich stört, bei allem Verständnis für die soziale Brisanz des Dramas: Die beiden kriegen sich nicht!  Wer so viel über Sprache spricht und sich austauscht in Worten und Gedanken - da kann das Fazit nur lauten: Brautkleid bleibt Brautkleid! Weitere Versionen des Shawstücks richten sich danach. Ob auf der Bühne, im Film oder im Musical unter dem Titel "My Fair Lady" Sie kehrt zu ihm zurück. Der eingefleischte Junggeselle freut sich. Vorhang, Abspann, und wenn sie nicht gestorben sind…

Resümee: Mid´m Redn kemmand Leid zam. Aber das ist jetzt bayerisch. Und eigentlich ging es ja eingangs um Hochsprache und Hannover und "Der Flug-Platz-Spatz nahm auf dem Blatt Platz". Obwohl, ganz ehrlich, ist es doch grad wurscht. "Sechs z´wetschgde Zwetschgen und sechs z´wetschgde Zwetschen san zwejf z´wetschgde Zwetschgen" -  damit lässt sich auch gut leben. Und lieben. Und dabei wiederum kommt es nun wirklich nicht immer auf jeden Buchstaben an. Der Rest ist Schweigen.


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