Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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16. Juli 1951 Salingers "Der Fänger im Roggen" erscheint

Ein Buch mit Aura, ein Magnet, eine Bibel - auch für Wirrköpfe. Am 16. Juli 1951 erschien J.D. Salingers "Der Fänger im Roggen", die Geschichte des Schulversagers Holden Caulfield.

Stand: 16.07.2019 | Archiv

16 Juli

Dienstag, 16. Juli 2019

Autor(in): Susi Weichselbaumer

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Thomas Morawetz

Früher war Schweigen schwierig. Da musste man zum Einkehrwochenende ins Kloster fahren. Oder sich den Sommer über als Senner verdingen hinter den sieben Bergen. Heute ist Schweigen simpel. Sie nutzen den öffentlichen Nahverkehr. Die Trainingsjacke links neben ihnen hört Musik. Der Outdoor-Anorak gegenüber kreuzelt eifrig Schnäppchen an im Verbraucherinformationsblatt eines Discounters. Das Kostüm rechts tippt Tiraden ins Handy.

Daumen hoch

Also setzen sie zum gesprächigen Selbstversuch an: Aus der italienischen Edeltasche oder dem praktischen Rucksack ziehen sie den "Fänger im Roggen". Das Buch ist nicht neu, veröffentlich am 16. Juli 1951. Schlagen sie irgendeine Seite auf.     

Der Outdoor-Anorak gegenüber ist noch mit den Prospektangeboten beschäftigt. Jedoch die Trainingsjacke gibt ihnen ein "Daumen-hoch"-Zeichen, wippend zur Kopfhörermusik. Sie nicken. Das Kostüm bekommt ihre SMS nicht gesendet. Kein Netz in der U-Bahn. Von da an sind es maximal zwei Haltstellen und aus Mitreisenden werden Freunde.

Das Kostüm erinnert sich an eine Schülerband damals im Gymnasium. Punk oder irgendwas. Die Band hieß "Die Fänger im Roggen". Die Trainingsjacke nimmt die Stöpsel aus den Ohren und versteht das total. J.D. Salinger - "Der Fänger im Roggen" - jeder Heranwachsende liest das. Da sind so viele Fragen. Schon allein: Was bedeutet J.D.? Der Outdoor-Anorak weiß: "Jerome David" und "The Catcher in the Rye" war der einzige Roman, den der Amerikaner Jerome David Salinger je veröffentlich hat.

Ein Roman, der sich bis heute millionenfach verkauft. Die Hauptfigur heißt Holden Caulfield. Ein Schulversager, der mal wieder fliegt - diesmal von einem elitären Militärinternat. Der 16-Jährige liebt Lyrik und Sprache. Mit Heuchlern und Schwätzern und den meisten Lehrern kann er nichts anfangen.

Verdammtes Talent

Am kommenden Mittwoch werden seine Eltern wohl den blauen Brief bekommen, in dem steht: Holden muss mal wieder weg, weil Querulant. Ein Wochenende dazwischen bleibt ihm, um aus dem Internat auszubüxen und das Weihnachtsgeld seiner Großmutter auf den Putz zu hauen. In seiner Heimatstadt New York.

Ins siffige Hotelzimmer lädt Holden Huren ein. Zahlt dann aber lieber dafür, dass nichts passiert. In Bars muss er, weil minderjährig, Cola bestellen. Ältere Frauen finden das wenig prickelnd. Mädchenbekanntschaften von früher schon. Doch ob und vor allem wie er die nun lieben soll, weiß Holden auch nicht.

Woandershin will er! Seine zehnjährige Schwester Phoebe ist patent und lieb und klug, packt ergo die Koffer, um mitzukommen. Holden bleibt da. Daheim. Vielleicht ein neuer Start an einer neuen Schule.  

Die Diskussion in der U-Bahn ist jetzt im Gange. Jemand erinnert sich, dass J.D. Salinger zehn Jahre am "Fänger im Roggen" gearbeitet hat. Ein anderer meint, Ernest Hemingway habe dem Autor ein "verdammtes Talent" bescheinigt. Billy Joel würdigt den Titel in seinem Song "We didn´t start the fire". Mark David Chapman trägt das Buch bei sich, weil er sich identifiziert mit Holden Caulfield, am Tag als er John Lennon erschießt.

Die nächste U-Bahn-Station wird angesagt. Der Outdoor-Anorak und die Trainingsjacke steigen aus. Das Kostüm nicht. Ihr Handy hat noch immer kein Netz. Aber jetzt wo das Schweigen gebrochen ist - kann man ja weiter reden darüber: Was fängt eigentlich ein Fänger im Roggen?


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