Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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10. Dezember 1913 Rabindranath Tagore erhält den Literaturnobelpreis

Der indische Literaturnobelpreisträger Tagore war Dichter, Philosoph, Maler und Komponist. Er engagierte sich als Kultur- und Sozialreformer. Seine Lieder sind die Nationalhymnen von Indien und Bangladesch.

Stand: 10.12.2018 | Archiv

10 Dezember

Montag, 10. Dezember 2018

Autor(in): Frank Halbach

Sprecher(in): Krista Posch

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Unsere Welt ist eine Welt voller handfester Machtinteressen. Es geht um Herrschaft, Gewinnmaximierung und nicht selten um Ausbeutung.

"Aber es gibt noch eine andere Welt, die Wirklichkeit für uns hat. Wir sehen sie, wir fühlen sie, wir nehmen mit all unseren Empfindungen an ihr teil. Doch wir können sie nicht erklären und messen, und daher bleibt sie uns ewig geheimnisvoll. "

Die Wahrheit des Westens

Meinte  Rabindranath Tagore. Mit der Welt der Machtinteressen kannte er sich aus – zwangsläufig. Denn seine Heimat war nicht einfach Indien, sondern Britisch-Indien: Hier herrschten bis 1947 etwa 100.000 Kolonialherren über 350 Millionen Inder.

"Es ist eine organisierte Leidenschaft der Habgier, die sich im Namen der europäischen Kultur ausbreitet.“ So nur einer der Kommentare, die Tagore an das Empire adressiert.

Dabei ist Tagore keineswegs nur in seiner Heimat berühmt –  die Texte der Nationalhymnen Indiens und Bangladeschs zum Beispiel sind von ihm. Am 12. Dezember 1913 erhält Rabindranath Tagore den Literaturnobelpreis und ist damit der erste Nobelpreisträger aus Asien. Wem auf solche Weise gnadenvoll vom Westen die Dichterkrone verliehen wird, sollte sich doch ein wenig mit seiner Kritik zurückhalten, nicht wahr? Nachdem Tagore die kolonial-arrogante Exotik-Faszination für seine Person und sein Werk nicht mit der gebührenden Demut beantwortet, wird schnell Kritik laut: "Die Botschaft, wo ist die Botschaft?" Was ist die Botschaft von Weltliteratur? "Aber der Stil! Welchen Stil hat sein Werk?" Welchen Stil hat Goethes Werk? Nun gut, Leistung und Gegenleistung. Wenn der Nobelpreis nicht genügt, damit der Inder schweigt… 1915 wird Tagore geadelt: Sir Rabindranath darf er sich fortan nennen. Und gut ist’s. Nein? Tagore gibt den Titel zurück, als ein britischer General 1919 im Zuge wachsender Proteste in Indien gegen die Kolonialherren in eine völlig friedliche Demonstration schießen lässt: 400 Tote. Mehr als 1000 Verletzte.

Die Weisheit des Ostens

Dass ein Dichter lediglich in seinem Elfenbeinturm dichten soll, ist Tagores Sache nicht. Und damit sind nicht nur politische Kommentare gemeint. Obwohl selbst der führende Intellektuelle seines Volkes, gilt seine Hauptsorge als Mensch und als Dichter 50 Jahre lang den indischen Bauern. In den ländlichen Gebieten Bengalens erschließt er Verkehrswege, gründet Genossenschaften, Banken, Krankenhäuser und Schulen – keine drillenden Schulen nach britischen Vorbild, pragmatisch, zielgerichtet auf eine Ausbildung zur Funktionalität, sondern alternative Schule mit Gesang, Theater, Tanz und Spiel in naturverbundener Atmosphäre.

Und natürlich engagiert sich Tagore für die indische Unabhängigkeit. Mit Mahatma Gandhi verbindet ihn eine tiefe Freundschaft, obwohl er mit Gandhis auf eine nationale Abgrenzung Indiens zielende Widerstandsbewegung wenig anfangen kann. Er will, dass Indien "der Welt das große Ideal gebe, das auf Harmonie und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Völkern der Welt hinarbeitet."

Was ist das nur für ein idealistischer Gutmensch?, wiegelt die Mehrheit des Westens Tagores Utopie ab.

"Die Werke der Kunst sind Grüße, die die menschliche Seele dem Höchsten als Antwort sendet, wenn er sich uns durch die dunkle Welt von Tatsachen hindurch in einer Welt unendlicher Schönheit offenbart."


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