Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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14. April 1812 Pariser Tischler Cochot meldet Jalousie zum Patent an

Fenster auf oder Fenster zu? Licht oder Dunkelheit? Die Antwort des französischen Tischlers Cochot auf diese Fragen lautete: Jalousie.

Stand: 14.04.2020 | Archiv

14 April

Dienstag, 14. April 2020

Autor(in): Julia Zöller

Sprecher(in): Caroline Ebner

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Caroline Ebner

Die Steinzeitfrau wacht auf. Sie gähnt, rappelt sich hoch, wirft sich ein Fell um – und tritt vor die Hütte. Sie… fröstelt. Hinter den Bäumen geht die Frühlingssonne auf.

Ihr fehlt in diesem Moment etwas, aber was ist es?

Kaffee, warme Dusche, Wettervorhersage von Alexa, all der Quatsch, den der Homo urbanus morgens braucht, sicher nicht.

Die Geschichte des Fensters

Der Steinzeitfrau fehlt an diesem Morgen nur: Ein Fenster. Eine kleine Öffnung in der Wand, durch die sie mal den Kopf strecken könnte, um zu schauen: na, brauche ich heute die Bärenfell-Mütze, oder geht´s schon ohne.

Will sie sehen was draußen so los ist, muss sie raus und frieren.

Gott mag am ersten Tag gleich das Licht erschaffen haben – für die Menschen aber blieb es lange erstmal dunkel bis dämmerig, in den Höhlen, Zelten und Hütten, in die sie sich zurückzogen, um warm und sicher zu sein.

Zufrieden waren sie damit nicht.

Die Geschichte des Fensters beginnt mit einem Schlitz in der Wand, vielleicht hat den sogar kurzerhand die Steinzeitfrau irgendwann ins Holz gestemmt, weil es ihr in der Bude einfach zu dunkel und zu stickig war. Erste Hinweise auf Fensteröffnungen datieren jedenfalls aus der Jungsteinzeit.

Was darauf folgt, ist ein dauerndes: auf und zu.

Denn durch´s Fenster kommt nicht nur Licht, da pfeift auch der Wind rein. Also: Ein Fell davor, oder ein Brett…noch besser: eine Haut. Fenster auf, Fenster zu, Laden auf, Laden zu. So improvisiert sich der Mensch durch die Jahrtausende, weil die Neugier ihn hinausdrängt – und das Licht hineinsoll. Bis es zu heiß wird, zu kalt, oder bis Feinde anrücken. Dann wird die Fassade dicht gemacht – und es ist wieder duster.

Bis – ja bis – zum 14. April 1812.

Sehen, nicht gesehen werden

Da erhält der französische Kunsttischler Cochot in Paris ein Patent auf einen Stapel dünner Holzlamellen.

Die hat er mit Ketten verbunden, damit man sie am Fenster hinaufziehen und herablassen kann. Das Beste an Cochots Erfindung: man kann die Lamellen auch schräg stellen. Licht und Luft strömen dann durch schmale Schlitze in den Raum, ohne dass jemand von außen hineinschauen könnte. Jalousie nennt sich Cochots Erfindung. Jalousie wie Eifersucht.

Von außen wirkt die Jalousie geschlossen, während man von Innen wunderbar das Leben auf der Straße beobachten kann. Eifersüchtige Ehemänner spionieren durch die Jalousie ihren ahnungslosen Frauen hinterher, wenn die das Haus verlassen. Neugierige Nachbarinnen spähen durch die Lamellen, damit sie den Streit im Haus gegenüber nicht verpassen. Und was wäre ein Agentenfilm in schwarz-weiß ohne die Lichtstreifen, die durch die Jalousie auf den Sekretär mit der Schreibmaschine fallen.

Jalousie. Nicht Roll-Laden oder ganz schlimm: Raffstore. Baumarkt-Wörter, die nach DIN-Norm und Plastik klingen, und die dieser kleinen praktischen Erfindung ihren Glamour nehmen.

Geschichten erzählt nur die Jalousie. Von Menschen, die alles sehen wollen – aber dabei nicht immer gesehen werden wollen.


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