Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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21. Dezember 1960 Ornette Coleman nimmt das Album "Free Jazz" auf

Das "logische Endprodukt einer bankrotten Philosophie des Ultra-Individualismus im Jazz"? Nein. Echte Pionierarbeit: Ornette Colemans "Free Jazz". Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 21.12.2018 | Archiv

21 Dezember

Freitag, 21. Dezember 2018

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Miles Davis versteht die Welt nicht mehr: Dieses hingerotzte Gejaule soll die Zukunft des Jazz sein, das neue große Ding? Ne, Leute, das ist einfach nur Mist, ein Haufen sinnloser Noten ohne Form und Struktur. Und der Typ, der den Murks ablässt, dieser Coleman mit seinem Plastiksaxofon, der ist eine echte Nervensäge, ein Schwätzer, ein Scharlatan, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, aber umso karierter daher quatscht.

Raus aus dem Käfig

Seit November 1959 tritt Ornette Coleman mit seinem Quartett im Five Spot auf. Jeden Abend ist der Club im New Yorker East Village rappelvoll und jeden Abend spaltet der schmächtige Saxofonist aus Texas die Hörergemeinde. Die einen bringt er zur Weißglut, weil er mit allem bricht, was dem Jazz heilig ist, was ihn organisiert und gliedert. Die andern feiern ihn genau dafür als Propheten der Erneuerung und Charlie Parkers wahren Stellvertreter auf Erden. Und alle haben Recht, irgendwie. Coleman will raus aus dem Käfig festgelegter Akkordfolgen, weg von starren Harmonie- und Klangvorgaben. All diese Regeln ersticken die Musik, verhindern das Abenteuer des Augenblicks. Der Jazz braucht Ausdruck, Wahrheit, Spontanität, Gegenwart, nicht sklavische Rücksicht auf Hörgewohnheiten und Brauchtumspflege.

Am 21. Dezember 1960 treibt er die Suche nach dem anderen, dem neuen Jazz auf die Spitze. Coleman bringt acht Musiker im Studio zusammen, lässt sie frei miteinander, gegeneinander, durcheinander spielen. Es gibt nur ein paar lockere Absprachen und Themen, der Rest ist pure Improvisation. Heraus kommt ein 38 Minuten lang brodelnder, gärender, wühlender Mahlstrom, ein Barfußtanz über Scherbenfelder und Himmelswiesen, oft zart, zerbrechlich, verträumt, dann wieder grell, schrill, scharfkantig, bisweilen hart an der Grenze des Erträglichen.

"Nihilistischer Dreck"

Als die Session unter dem Titel Free Jazz auf Platte erscheint, gehen den Rezensenten reihum die Sicherungen durch. Vor allem weiße Schreiber zimmern wuchtige Verrisse, in denen Wörter wie Wahnsinn, Nihilismus, Psychose, Geisteskrankheit oder schlicht Dreck den Ton angeben. Für den Starkritiker des einflussreichen Jazz-Magazins Down Beat ist Colemans "Hexengebräu" sogar "das logische Endprodukt einer bankrotten Philosophie des Ultra-Individualismus im Jazz."

So viel Wut und Hass, warum? Nur weil das Ganze schräg klingt? Oder weil es tiefere Ängste weckt: Davor, dass die Freiheit der Kunst aller anderen Freiheit bloß vorausgeht. Und vor allem die Angst vor dem Zorn schwarzer Frauen und Männer, die sich nicht mehr einschüchtern, unterdrücken, bevormunden lassen, die Free Jazz sagen, aber Bürgerrechte, Chaos, Zerfall und Zerstörung meinen.

Auch ohne Umsturzpanik ist Colemans Musik keine leichte Kost. Trotzdem setzt sich ihre Botschaft durch: Das Ufer ist nicht der Fluss, Kreativität braucht Freiheit. Das überzeugt auch Miles Davis. Zehn Jahre nach Free Jazz veröffentlicht er Bitches Brew, eine epochale Aufnahme, die ohne Ornette Colemans Pioniertat undenkbar wäre. Und wieder heult die Jazzwelt auf, wieder einmal geht alles, wirklich alles vor die Hunde. "Na und?" sagen wir, ziehen die Schultern hoch und fragen mit Alexis Sorbas: "He, Boss, hast du schon jemals etwas so schön einstürzen gesehen?"


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