Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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17. Mai 1992 Münchner Flughafen im Erdinger Moos in Betrieb genommen

Es gibt Flughafenbauten, in die findet jahrelang kein Umzug statt. Bei anderen geht es vergleichsweise rasant. Der Passagier steigt fortan nicht mehr in München-Riem ein, sondern im Erdinger Moos. Autor: Thomas Grasberger

Stand: 17.05.2019 | Archiv

17 Mai

Freitag, 17. Mai 2019

Autor(in): Thomas Grasberger

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Umzüge erfreuen sich allgemeiner Unbeliebtheit – außer natürlich bei Umzugsunternehmen, die ihr Geld damit verdienen. Für alle andern gelten in der Regel drei uralte Warnungen. Erstens vor den Kosten: "Dreimal umgezogen ist einmal abgebrannt", weiß der Volksmund aus Erfahrung. Zweitens die Warnung vor der vielen Arbeit: "Furchtbar, diese ganze Schlepperei und Schinderei!" Und drittens die potenziellen Schäden: Weil irgendwas geht ja immer kaputt, beim Umziehen.

Ob der Schweizer deshalb vom "Zügeln" spricht, wenn er"umziehen" meint? Von Bern nach Basel zügeln – da klingt schon irgendwie der Appell zum Maßhalten durch. Und die Frage: Muss er denn wirklich unbedingt sein, dieser Umzug?

Kisten packen!

Ja, er muss sein, sagten die Verantwortlichen, als es in den 1960er Jahren um die Zukunft des Münchner Flughafens ging. Der in Riem draußen war zwar einer der modernsten der Welt, aber halt im Jahr 1939. Schon Mitte der 50er Jahre galt das nicht mehr: Viel zu nah an der Stadt sei er, viel zu dicht besiedelt die ganze Umgebung. Zwei schwere Flugunglücke 1958 und 1960 schienen diese Bedenken zu bestätigen. Also begann die Suche nach einem neuen Standort rund um München. Als 1969 entschieden wurde, dass der neue Flughafen ins Erdinger Moos umziehen soll, waren viele Menschen gar nicht glücklich; vor allem die zwischen Erding und Freising. "Baut´ s doch dahin, wo koa Sau wohnt", schimpfte der Roider Jackl aus Freising. Bei der Nockherberg-Salvatorprobe 1969 wurde dieser höchst populäre bayerische Gstanzlsänger dann sogar richtig rabiat, als er beim Starkbieranstich sang: "Aber wenn der Flughafen nach Freising kimmt,/ nacha mach i bumm,/ und bring a paar ganz große Viecher/ aa mit der Mistgabel um."

Wilde Gegenwehr

Gottseidank blieb es bei der gesungenen Drohung vom Roider Jackl.

Der Protest gegen Verbauung, Fluglärm und Zerstörung des ökologisch wertvollen Moorgebietes bei Erding hielt jedoch über zwei Jahrzehnte an. Als 1980 mit dem Bau begonnen wurde, hagelte es über 5000 Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss. Ein Baustopp war die Folge, die dritte Start- und Landebahn wurde gestrichen. Fünf Jahre später rollten die Bagger wieder an, und 1992 war es dann so weit. Der Tag des großen Umzugs nahte!

Oder besser gesagt die Nacht. Vom 16. auf den 17. Mai 1992 schleppten 80 Speditionen mit 5000 Helfern und 1600 Lastwagen alles, was nicht niet- und nagelfest war, von Riem in das 40 Kilometer entfernte neue Flieger-Domizil. Fluggasttreppen, Container, Hubbühnen, Gepäckwagen – alles musste hinüber ins Erdinger Moos. 16 Stunden dauerte der Mammut-Umzug. Insgesamt 500 Fahrten! Was für eine Schlepperei und Schinderei! Am Ende aber verkündete man stolz, dass die Sache weitgehend reibungslos über die Bühne gegangen sei. Die große logistische Meisterleistung der Münchner Umzugsspezialisten wurde überall auf der Welt bewundert.

Kein einziger Flug war ausgefallen, und bis auf ein paar Ahnungslose, die frühmorgens noch in Riem vor leeren Hallen warteten, pilgerten die Passagiere fortan zum neuen "Franz-Josef-Strauß-Airport". Manchmal erfreuen sich Umzüge also doch allgemeiner Beliebtheit. Wenn auch nicht bei allen.


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