Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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7. November 1950 Marieluise Fleißers "Der starke Stamm" uraufgeführt

Skandalautorin oder arme Dichterin, die immer an die falschen Männer gerät? Marieluise Fleißer hatte sicher viele Facetten. Nicht zuletzt deshalb sind ihre Arbeiten so anders als das, was man kannte. Autor: Johannes Roßteuscher

Stand: 07.11.2019 | Archiv

07 November

Donnerstag, 07. November 2019

Autor(in): Johannes Roßteuscher

Sprecher(in): Krista Posch

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Der erste Gedanke: Das ist doch von Kroetz! Bairisch sprechende Menschen sitzen um einen Tisch. Der Sattlermeister Bitterwolf, sein Schwager, der Vetter, die durchtriebene Schwägerin Balbina. Reden in einer scheinbar ungelenken, verkürzten, beinahe verstümmelt daherkommenden Sprache. Bei der freilich jeder zweite Satz ein Hieb ist. Dabei sitzt man hier beim Leichenschmaus. Die Frau vom Bitterwolf, die Zenta, ist gestorben. Nach Minuten kommen unverblümt die Forderungen auf den Tisch. Die Schwägerin will den Wintermantel und die Leibwäsch, der Vetter das blaue Gwand, der Schwager die Nähmaschin.

Was eine Familie!

Die Leibwäsch wäre freilich bei Kroetz nicht mehr vererbt worden. Das Stück, "Der Starke Stamm" von Marieluise Fleißer aus Ingolstadt, das hier am 7. November 1950 auf die Bühne der Münchner Kammerspiele gebracht wird, ist Mitte der 1940er Jahre entstanden. Die Menschen lassen in ihrem Irgendwie-Durchkommen-Wollen alles fahren, was sie an katholisch-christlicher Sitte doch haben sollten und auch ständig vorgeben, zu haben.

Die Schwägerin versucht, sich ohne Zeitverlust den Witwer zu angeln, der immerhin ein Haus hat. Dem Bitterwolf gefällt aber die junge Magd besser; die er dann auch schwängert, aber nicht heiraten will. Klingt immer noch wie Kroetz, ist aber  25 Jahre früher.

Bisserl viel wild?

Aber wie geht das zu: 1950 bringen die Münchner Kammerspiele ein Volksstück in Mundart auf die Bretter?  Als man sich grade von allem Völkischen zu befreien gedachte? Bertold Brecht, aus dem Exil zurück, setzt die Aufführung durch. Für seine alte Freundin, die Fleißerin, die Handwerkerstochter aus Ingolstadt. Diese schillernde, hochbegabte, so bieder daherkommende, psychologisch so schwer fassbare Person.

In den 20ern hatte sie, selbst Mitte 20, gleich zwei Skandalstücke geschrieben. Brecht, damals zeitweilig ihr Geliebter, inszenierte in Berlin die "Pioniere in Ingolstadt", verschaffte der Fleißerin den Durchbruch und mit seiner sehr freizügigen Inszenierung einen Riesenskandal. Fleißer galt als aufregende neue kritische Stimme, die sich freilich daheim nicht mehr blicken zu lassen brauchte.

Umso verstörender: 1929 lernte sie den, verkürzt gesagt, unbegabten, narzisstisch-despotischen rechtsradikalen Dichter Hellmut Draws-Tychsen kennen, dem sie sich nahezu unterwarf. Plötzlich distanzierte sie sich von Brecht, verwehrte sich gegen Rezensionen von Juden, versuchte "völkischer" zu schreiben. Trotzdem wurden ihre frühen Skandalstücke bei den Nazis verboten. Ein generelles Schreibverbot hatte sie aber nicht. Eine Völkische war die Fleißerin selbst sicher nie, aber so unbefleckt, wie meistens dargestellt wird, kam sie nicht durch die völkische Zeit.

Künstlerisch kam sie nach Draws-Tychsen jedenfalls jahrzehntelang nicht mehr auf die Füße. Bis ihr nach dem Krieg ausgerechnet Brecht wie so oft - wieder - beisprang. Nachhaltige Anerkennung erfuhr die Fleißerin erst in den 70er Jahren. Auch weil sich drei junge wilde Linke offensiv zu ihr als Vorbild bekannten: Rainer Werner Fassbinder, Martin Sperr und – Franz-Xaver Kroetz.


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